„Warum eigentlich?“ Olaf Hilgers fährt auf dem Rad Nonstop-Touren durch Europa

Olaf
Foto: Olaf Hilgers

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen? 
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind? 
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“ 

Heute fragen wir: Olaf Hilgers, Schornsteinfegermeister

„Es ist, als hätte ich auf einen ‚Reset-Knopf gedrückt, sobald ich auf das Fahrrad steige.“

Wie sah Ihre Herausforderung genau aus?

Ich bin vor Kurzem von einer Radtour zurückgekehrt, in der ich innerhalb von 61 Stunden eine Strecke von Bennewitz in Sachsen über Chemnitz durch Tschechien und das Waldviertel in Österreich und zurück über das nördliche Bayern und Sachsen abgefahren bin – das waren 1.046 Kilometer ohne nennenswerte Unterbrechung. Ich war allein unterwegs, um diese Tour für eine detaillierte Streckenbeschreibung für die Radfahr-Vereinigung Audax Randonneurs Allemagne (ARA) abzufahren. Ich gehöre zu einer der 15 Organisationsgruppen in Deutschland, die für die „verwegenen Radfahrer“ (was „Audax Radonneurs“ in etwa übersetzt heißt) Langstreckentouren überwiegend in Deutschland, aber auch Teilen Europas plant. Meine Gruppe ist Audax Sachsen. Die ARA-Gruppen nehmen zum Beispiel  alle vier Jahre am berühmten Radrennen Paris-Brest-Paris teil – übrigens das älteste Radrennen der Welt.

In diesen 61 Stunden, die ich für die rund 1.000 Kilometer brauchte, gibt es eigentlich keine echten Pausen: Man legt sich vielleicht mal eine Stunde lang bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang an den Wegrand. Bloß als ich durch Tschechien fuhr, habe ich mir den Luxus gegönnt, doch einmal vier Stunden am Stück in einer Pension Pause zu machen. Ich irritiere die Gastwirte dann immer, wenn ich frage, ob nachts die Tür auf ist, damit ich lange vor Sonnenaufgang wieder mit dem Fahrrad unterwegs sein kann. Diese Frage scheint ihnen eher seltsam.

Setzen Sie sich noch manchmal mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinander? Und macht Ihnen die Möglichkeit, das Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge?

Mittlerweile habe ich nur noch ganz kleine Zweifel, dass ich diese Langstreckentouren schaffe. Ich weiß, dass ich mich auf meine gute Vorbereitung verlassen kann und habe Selbstvertrauen durch meine Erfahrung.

In diese Selbstsicherheit muss man aber erst einmal hineinwachsen. Inzwischen weiß ich genau: Wenn mich doch einmal Zweifel packen, sind sie spätestens auf dem Rad vergessen.

„Warum eigentlich?“ – Was war Ihr Antrieb, Ihre persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Seit ich 15 war, habe ich eigentlich immer gemacht, was nicht gerade auch die Masse gemacht hat. Ob ich gezielt das Außergewöhnliche suche, weiß ich gar nicht. Für mich ist es kein Maßstab, wie viel, was genau oder wie oft jemand etwas macht – sondern dass man überhaupt etwas tut!

Ich mache diese Touren vor allem, weil sie mir Spaß machen. Aber darüber hinaus bin ich dabei auch ganz auf mich selbst reduziert: Es zählen nur noch die elementaren Fragen in dieser Situation wie „Habe ich Schmerzen, habe ich genug zu essen und zu trinken, funktioniert mein Rad?“ – das war’s. Und ich bin auf der richtigen Route – wie im Leben auch. Ich spüre danach eine angenehme Leere im Kopf, der ganze Datenmüll, der sich dort im Alltag ansammelt, ist mit einem Mal weg: Es ist, als hätte ich auf einen „Reset“-Knopf gedrückt, sobald ich auf das Fahrrad steige.

Die Touren, die ich gemeinsam mit dem ARA mache, sind vollkommen konkurrenzfreie Veranstaltungen. Auf den Strecken begegnet man einander, und wenn das Tempo passt, fährt man eine Weile miteinander, dann trennt man sich irgendwann wieder und freut sich, einen neuen Bekannten gefunden zu haben.

Was ich aus meinen Radtouren mitnehme: eine Wahnsinnskraft – und eine Selbstsicherheit, die nichts mit Überheblichkeit zu tun hat. Man hat einfach so oft erlebt, dass man sich auf ein entspanntes „Ach, das wird schon!“ im Sport verlassen kann, dass man das auch mit in den Alltag nimmt. Es hinterlässt Spuren, wenn man immer wieder erfährt, dass Geduld letztlich ins Ziel bringen kann.

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