„Warum eigentlich?“ Lisa Graf-Riemann bezwingt den Watzmann

Foto: Lisa Graf-Riemann
Foto: Lisa Graf-Riemann (auf dem Bild die 2.v.l.)

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen? 
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind? 
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“ 

Heute fragen wir: Lisa Graf-Riemann, Autorin

„Es war ein schönes Ziel, eines, das im Bereich des Machbaren für mich lag. Also wollte ich es auch versuchen.“

Wie sah deine persönliche Herausforderung genau aus? 

Meine Herausforderung – der Watzmann (2.713 m) – steht seit 7 Jahren vor meiner Nase herum, seit ich in Berchtesgaden wohne. Ich habe den höchsten Gipfel, die Mittelspitze, auch schon einmal bestiegen. Was mir noch fehlte, war die Überschreitung seiner drei Gipfel auf einem ziemlich ausgesetzten Grad mit Kletterpassagen, die aber nur zum Teil seilversichert sind. Die Gratüberschreitung ist eine 12-Stunden-Tour, für die man sowohl Schwindelfreiheit, Klettersteigerfahrung und vor allem Ausdauer braucht. Das hatte ich mir lange nicht zugetraut. Aber am 1. August 2014 habe ich es gewagt, in einer Vier-Frauen-Crew. 

Hast du dich mal mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt? Und hat dir die Möglichkeit, dein Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge gemacht?

Auf und Ab zur Südspitze
Foto: Lisa Graf-Riemann

Ich habe den Sommer über ausreichen Konditions- und auch Klettersteigtraining gemacht, um fit zu sein. Trotzdem hätte es natürlich sein können, dass ich einen schlechten Tag erwische oder mich auf dem Grat, wenn es links 1.800 Meter die fast senkrechte Ostwand hinuntergeht und rechts auch nicht viel ist, was einen im Falle eines Sturzes aufhalten könnte, plötzlich die Angst packt. Ich habe mir einen Entscheidungspunkt gesetzt: Wenn ich bis zur Mittelspitze schon mentale Probleme habe, kehre ich um. Da komme ich zur Not auch alleine zurück und lasse die anderen drei  allein weitergehen. Danach macht das Umkehren keinen Sinn mehr, dann muss ich durch. 

Wie bist du mit dem Thema Scheitern umgegangen?

Ich habe mich beobachtet. Beim Hüttenaufstieg am Vortag – im vollen Regen – fühlte ich mich ausgesprochen gut. Beim Gipfelanstieg am nächsten Morgen war ich etwas langsamer als die anderen, aber das hat mich nicht weiter beunruhigt. Dann allerdings, am Einstieg zum „Klettersteig“, auf dem Weg zur Mittelspitze, kam plötzlich doch Panik auf.  Kann ich das überhaupt schaffen? Das war aber noch gar nicht mein festgelegter „Point of return“.  Also marschierte ich doch erstmal los. Bis zur Mittelspitze hatte ich mich wieder beruhigt und gesehen, dass es zu schaffen ist. Ich entschied mich fürs Weitergehen. Und es ging.

„Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Es war ein Plan, ein schönes Ziel, eines, das im Bereich des Machbaren für mich lag. Also wollte ich esauch versuchen. Es war anstrengend, wir haben tatsächlich mit Pausen 12 Stunden gebraucht. Aber es war unbeschreiblich schön dort oben. Man sieht hinunter auf den Königssee und hat eine fantastische Rundsicht bis weit in die Tauern hinein. Und ich war glücklich und echt stolz auf mich, als ich gegen Abend die Hütte erreichte.

Nächstes Jahr will ich auf den Hochkalter, das Nachbarmassiv des Watzmanns. Ich habe es bisher nicht gewagt, weil man zum Einstieg, auf ca. 2000 Metern Höhe, eine Wand erklettern muss, ohne Seilversicherung, und ich nicht sicher bin, ob ich das schaffe. Wenn ich fit bin nächsten Sommer, nehme ich mir die Tour vor und probiere es aus. Vielleicht über den Winter etwas Klettertraining in der Halle und dann: gesund und fit bleiben, regelmäßig Sport treiben, damit ich eine Chance habe, da raufzukommen.  Und vielleicht haben die drei Frauen vom Watzmann ja auch wieder Lust mitzugehen.

Vor dem Aufstieg hatte uns Christine Hutterer (auf dem Beitragsbild die zweite von rechts) schon in ihrem Interview über ihre Eselsreise über Korsika von dem Plan erzählt, den Watzmann zu besteigen. Glückwunsch auch an dich, Christine, zum neuen bestandenen Outdoor-Abenteuer! Mehr Bilder und mehr Details zur Watzmann-Besteigung erzählt Lisa Graf-Riemann im Berchtesgadener Land Blog.  

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