„Warum eigentlich?“ Dorothee Köhler wandert 100 Kilometer in weniger als 30 Stunden

Foto: Nicole Gronewald (Dorothee Köhler strahlt in Rot.)
Foto: Oxfam Deutschland
(Dorothee Köhler strahlt in der ersten Reihe im roten Shirt.)

„Ich wollte wissen, was eine derart extreme Belastung des Körpers mit mir macht “ 

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen?
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind?
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“

Heute fragen wir: Dorothee Köhler, Texterin, Sachbuchautorin, Gründerin von Wandern und Schreiben

Wie sah deine Herausforderung genau aus?

100 Kilometer wandern – und zwar nicht gemütlich in einer Woche, sondern am Stück innerhalb von maximal 30 Stunden. In einem 4er-Team. Dabei 2.500 Höhenmeter überwinden. Und davor noch mindestens 2.000 Euro an Spendengeldern einsammeln, quasi als Startgebühr. Das war die Herausforderung, der ich mich im September 2013 gestellt habe. Das Ganze nannte sich Oxfam Trailwalker 2013 und war ein Spendenlauf im Harz zugunsten der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, die mit den bei dieser Veranstaltung akquirierten 282.000 Euro Projektarbeit in Ländern des globalen Südens, Nothilfe in Krisen und Katastrophen sowie politische Kampagnenarbeit finanzierte.

Hast du dich mal mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt? Und hat dir die Möglichkeit, dein Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge gemacht?

Ich konnte mir fast bis zur Ankunft im Ziel nicht vorstellen, dass eine solche Strecke zu schaffen ist. Ich kannte zwar etliche Menschen, die sie bewältigt hatten, aber 100 Kilometer tatsächlich am Stück zu gehen, stundenlang zu laufen, durch die Nacht, 2.500 Höhenmeter, möglicherweise bei schlechtem Wetter … Wahnsinn! Ich war bis dahin nur ein einziges Mal mehr als 37 Kilometer am Stück gewandert – 50 Kilometer, von denen ich die letzten 20 nur unter erheblichen Knieschmerzen zurückgelegt hatte. Insofern war körperliches Scheitern eine permanent präsente Option. Auf der anderen Seite war mir aber auch sehr klar: Mental packe ich das. Weil ich es schaffen WOLLTE. Ich WOLLTE gut gelaunt und forschen Schrittes im Ziel einlaufen und dabei noch nicht mal ansatzweise übernächtigt aussehen. Das war das Bild, das ich mir von unserem, von meinem Zieleinlauf machte, und das hing während der Vorbereitungszeit und auch während der Wanderung vor mir wie die Rübe vorm Esel. 

Wie bist du mit deinen Zweifeln praktisch umgegangen?

Wir hatten klare Absprachen im Team: Wir gehen in einem ganz bestimmten Tempo, das keine von uns an den Rand bringt, jede von uns muss zu jeder Zeit das Gefühl haben, dass sie schneller gehen könnte, auch an den Steigungen. Wir hatten auf dieser Basis einen detaillierten Zeitplan aufgestellt, Pausen festgelegt. Wir hatten außerdem ausgemacht, zusammen zu bleiben. Wir wussten von anderen Teams, dass da jeder auch mal für sich ging und etliche Meter zwischen sich und die anderen brachte. Wir dagegen entfernten uns nie mehr als zwei oder drei Meter voneinander. So konnten wir gut aufeinander aufpassen. Wir hatten auch besprochen, wie wir damit umgehen wollten, falls eine von uns aufgeben müsste. Es war immer klar: kein falscher Ehrgeiz – was nicht geht, das geht nicht. Kein Ziel der Welt ist es wert, dass sich eine von uns verletzt oder dauerhaft schädigt. Diese detaillierten Absprachen haben geholfen, die Sorgen zu nehmen.

Auch die Erfahrung und der Rückhalt der anderen Läufer, die wir kannten und die zu einem Großteil Wiederholungstäter waren, halfen uns, die Sorgen in Schach zu halten. Insgesamt nahmen aus meinem Umfeld so viele Menschen an diesem Lauf teil, dass wir drei Teams stellen konnten. Hinzu kamen unsere Supporter – Unterstützer, die uns entlang der Strecke mit allem versorgten, was wir brauchten oder wollten. Auf der Strecke waren wir so eine Gruppe von insgesamt 19 Läufern und Supportern, das war fantastisch. Wir standen unterwegs immer auch Verbindung zueinander, und an den insgesamt neun Checkpoints warteten immer die Supporter aller unserer Teams, bis alle Läufer tatsächlich angekommen waren und empfingen uns mit entsprechendem Jubel und Getöse. Das hat sehr geholfen, die Form- und Motivationstiefs auszuhalten, die uns vor allem nachts ereilt haben. Super waren auch Anfeuerungs-SMS und Nachrichten von vielen Freunden, die ich unterwegs bekam. Unglaublich, wie viele Menschen aus der Ferne Anteil genommen und mich unterstützt haben.

Was mich persönlich ebenfalls sehr getragen hat, war die Tatsache, dass mein Partner auch als Läufer teilgenommen hat – in einem der anderen Teams natürlich, aber ich wusste unterwegs immer: Er ist mit dabei, irgendwo da vorne auf der Strecke, und es geht ihm gut. Wir haben natürlich viele Trainingswanderungen zusammen gemacht, die ganzen Vorbereitungen gemeinsam getroffen, viel darüber geredet, vorher und nachher. Es ist ein großes Geschenk, wenn im nächsten Umfeld Menschen sind, die Verständnis für das haben, was man tut, und es im besten Fall sogar mit einem teilen. 

„Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Ganz einfach: Ich wollte wissen, ob ich das kann. Und ich wollte wissen, was eine derart extreme Belastung des Körpers mit mir macht – wie ich reagiere, wenn ich an meine Grenzen komme. Man liest ja immer so schreckliche Dinge darüber: Ausnahmezustände, Halluzinationen, erfrorene Füße, leere Blicke und so. Angetrieben hat mich sicherlich auch die Tatsache, dass Menschen aus meinem Umfeld mir das zutrauten – allen voran die anderen Frauen aus meinem Team, die sich schon zu dritt zusammengefunden und mich ungefähr ein Jahr vorher gefragt hatten, ob ich nicht mit ihnen laufen wolle. Der Charity-Gedanke dahinter hat mich auch gereizt, aber um wohltätig zu sein, hätte ich keine Wanderstiefel anziehen müssen. Dennoch war mir sehr sympathisch, dass die ganze Veranstaltung nicht darauf ausgerichtet war, dass jeder als Einzelkämpfer die 100 Kilometer schafft, sondern der Teamgedanke im Vordergrund stand und es auch ein Ziel des Laufs war, Menschen zu unterstützen, die es schwerer haben, sich selbst zu helfen als wir – die wir auf der richtigen Seite des Globus leben.

Ach ja: Halluzinationen und erfrorene Füße blieben mir erspart. Es ging mir auf der Strecke erstaunlich gut, obwohl mir schon nach relativ kurzer Zeit die Beine von oben bis unten weh taten. Auf ebenen Strecken werden meine Beine schnell lahm, und die ersten 10 Kilometer hatten keinerlei Steigung. Bei Kilometer 50 und bei Kilometer 65 gab es jeweils ein Physiotherapeutenteam, das mir meine Beine durchmassierte, das half etwas.

Irgendwann mitten in der Nacht jedoch, gegen drei Uhr und bei Kilometer 75, war ich so erschöpft, dass ich nicht mal mehr die Energie hatte, etwas zu trinken. Ich hätte nur eine meiner Mitläuferinnen bitten müssen, mir meine Flasche aus dem Rucksack zu reichen, aber ich kam gar nicht auf die Idee, das zu tun. Ich war von einer großen Lethargie befallen, die mich auch im Nachhinein immer noch erschreckt. Ich konnte nur noch dahintrotten, mein Horizont und meine Wahrnehmungsfähigkeit reichten gerade so weit wie der Lichtkegel meiner Stirnlampe, Gespräche mit den anderen gab es auch keine mehr, nur Dunkelheit und Leere um uns herum. Ich dachte: Gleich kippe ich um – und eigentlich will ich mich nur noch in den Graben legen und heulen. Das ging ungefähr eine halbe Stunde so, dann schaffte ich es endlich, meine Flasche aus dem Rucksack zu holen und etwas zu trinken. Danach ging es mir sofort wieder besser, und eine heiße Brühe am nächsten Checkpoint brachte mich dann wieder ganz auf die Beine.

Noch selten habe ich eine Morgendämmerung so heiß herbeigesehnt wie in dieser Nacht. Als wir nach 23 Stunden und 15 Minuten als 34. Team im Ziel einliefen (von 108 gestarteten Teams), hatten wir nicht nur unsere angepeilte Zeit von 24 Stunden unterboten, sondern waren sehr guter Dinge und sahen ziemlich ausgeschlafen aus. Eine meiner Mitläuferinnen hatte Probleme mit ihren Sehnen am Fuß, aber ansonsten ging es uns super. Es war ein großartiger Moment – jede Anstrengung, jede Sorge und jedes schmerzende Bein wert!

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