„Warum eigentlich?“ Doreen Köstler erobert für den guten Zweck Europa auf dem Fahrrad

Foto: Doreen Köstler
Foto: Doreen Köstler

„Einfach nur für mich trainieren? Ich brauchte immer ein größeres Ziel als Ansporn.“ 

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen?
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind?
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“

Heute fragen wir: Doreen Köstler, Texterin und PR-Beraterin, die auf flowgefuehl.de bloggt.

Mit deinem Team der Global Biking Initiative hast du auf deiner letzten Radtour von Budapest nach München 25.000 Euro für das Kinder- und Jugendhaus KUBU in München gesammelt. Wie sah deine persönliche Herausforderung dabei genau aus?

2010 ist mir die Global Biking Initiative zum ersten Mal begegnet: Freunde haben die Tour von Prag nach Düsseldorf absolviert. Allein das Anhören ihrer Geschichten und Erlebnisse hat mir klargemacht: Das will ich auch. Im vergangenen Jahr war es so weit: Mit 350 Leuten aus mehr als 20 Ländern bin ich von Paris nach Neuss geradelt. Alles in allem sind knapp 900 Kilometer zusammengekommen, die Höhenmeter habe ich erfolgreich verdrängt. Danach war ich mit dem GBI-Virus infiziert und schon im Ziel war klar, dass ich Wiederholungstäterin werde.
In diesem Jahr hatte ich schon zwei Sternchen auf meinem Trikot. Unsere Tour führte von Budapest nach München – 770 Kilometer in sieben Tagen durch vier Länder. Die Längen der einzelnen Etappen variierten zwischen 80 und knapp 140 Kilometer. Am Anfang fuhren wie den fantastischen Donauradweg entlang, dann ging es ins Alpenvorland.

Hast du dich mal mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt? Und hat dir die Möglichkeit, dein Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge gemacht?

Die GBI ist glücklicherweise keine Tour, bei der die einzelnen Etappen in einem bestimmten Rahmen bewältigt werden müssen. Es gibt keine Zeitnahme und keine Ranglisten. Jedes Team hat den ganzen Tag, um von A nach B zu kommen. Im Vorfeld habe ich mich schon für ein Team entschieden, das angesichts des Streckenprofils einen für mich realistischen Geschwindigkeitsschnitt fährt, und viele Trainingskilometer hinter mich gebracht. Das entspannt ungemein.
Besonders vor der ersten Tour war die „Schaffe ich das überhaupt?“-Frage immer präsent. Ich bin nur einmal zuvor mit dem Rad 100 Kilometer gefahren, sonst eher um die 80. Aber eben immer mit Pausen dazwischen. Jetzt also sieben Tage hintereinander mindestens 100, gespickt mit Bergen, die ich als Rheinländerin nicht direkt als Trainingsmöglichkeit vor der Tür habe. Da purzeln viele Sorgen und Ängste durch den Kopf: Was ist, wenn das Tempo doch zu schnell für mich ist und die anderen ständig auf mich warten müssen? Was passiert, wenn ich wirklich nicht mehr kann, was, wenn der Schlauch platzt? Komme ich die Berge unfallfrei runter? Und komme ich überhaupt mit der Kombination aus physischer Herausforderung und schlechtem Schlaf in Massenunterkünften klar?

Wie bist du mit dieser Sorge umgegangen?

Viel Training und ein Schnellkurs im Schlauchflicken haben mir schon mal zwei Ängste genommen. Generell denke ich eher: „Alles wird gut, klappt schon, hat immer irgendwie geklappt.“ Und aus Erfahrung weiß ich, dass ich „beißen“ kann – mein Antrieb, irgendwie ins Ziel zu kommen, war bisher immer stärker, als der Wunsch, mich in den Besenwagen zu setzen.
Blieben meine größten Ängste: Bergabfahrten in hoher Geschwindigkeit und die nächtlichen Schnarchkonzerte im Alle-Mann-Zelt. Letztere hat sich quasi von selbst erledigt, denn abends war ich so kaputt, dass mich allein das Einkuscheln in den Schlafsack zufrieden und glücklich gemacht hat. Nur liegen war toll, schlafen ging nicht immer. Aber der Körper ist mit so viel Adrenalin und Endorphinen geflutet, dass man Schlafmangel und Strapazen erst nach der Tour merkt.
Na ja, die Berge mag ich immer noch am liebsten, wenn ich sie hochfahren kann. Die Abfahrten genieße ich nur, wenn ich sehe, wo es langgeht. Serpentinen sind für mich nach wie vor der Horror und kosten mich enorm viel Kraft in den Armen. Und im Kopf. Denn meistens habe ich dann Kopfkino: Wie im „Werner“-Film löst sich die Bremse, Muttern und Schrauben schwirren in Zeitlupe an mir vorbei. Aber selbst das ist in diesem Jahr besser geworden. Dank lieber Teamkollegen weiß ich theoretisch, wie ich bergab Kurven fahren soll, die Umsetzung klappte meistens auch ganz gut. Bis zum nächsten Jahr (Alpenpässe zwischen Venedig und Stuttgart) habe ich trotzdem noch einiges zu tun.
Was aber die schönste Angstbewältigungsstrategie ist: Die GBI ist ein riesengroßes Wir. Alle sind füreinander da, steht man am Berg, wird man gefragt, ob man Hilfe braucht. Die Schnellen warten auf die Langsamen. Jeder kommt lächelnd ins Ziel, jedes Team wird mit lautem Jubel begrüßt, jeder startet lächelnd auf die nächste Etappe. Dieser Zusammenhalt ist wirklich unglaublich und ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum die meisten immer wieder mitfahren.

„Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Ich wollte Grenzen erfahren – im doppelten Sinn: Zum einen wollte ich einen außergewöhnlichen Urlaub mit einem Hauch Abenteuer, der nicht bis ins kleinste Detail durchorganisiert ist. Mit Gleichgesinnten aus aller Welt entdecke ich viele Orte in Europa, die klassischen Touristen verborgen bleiben, lerne Länder und Leute anders kennen. Zum anderen spielte das Entdecken eigener Grenzen eine große Rolle. Einfach nur für mich trainieren? Das konnte ich noch nie gut, ich brauchte immer ein größeres Ziel als Ansporn.
Nicht zuletzt ist es das soziale Engagement, das die GBI auszeichnet, denn jeder Teilnehmer muss im Vorfeld eine bestimmte Spendensumme sammeln. Selbst hier: Jeder einzelne Spendenaufruf war und ist für mich eine Grenzerfahrung, auch wenn die GBI für mich ein wahres Herzensprojekt ist.

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