„Warum eigentlich?“ Daniela Pucher gibt den Sport nicht auf – trotz Schmerzen

Foto: Daniela Pucher
Foto: Daniela Pucher

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen? 
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind? 
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“ 

Heute fragen wir: Daniela Pucher, Autorin, Autorenberaterin und Ghostwriter

„Meine Antwort: Weil ich ohne Bewegung genauso viele Schmerzen und mit Bewegung aber mehr Spaß im Leben habe.“

Wie sieht deine Herausforderung genau aus?

Sonntag, 32 Grad im Schatten, die Sonne heizt so richtig runter. Für heute ist eine Radtour geplant. Mein Lebensgefährte, der passionierte Routenplaner, hat mit einem Augenzwinkern angekündigt, dass wir heute die 60 Kilometer knacken. Und die 500 Höhenmeter auf den Scheiblingstein sowieso. So weit und so hoch bin ich in einem Stück in meinem Leben noch nie geradelt! Ob ich das schaffe? Aber ja, warum nicht? Mein Motto lautet schließlich: Erst wenn du es probiert hast, weißt du, ob du es kannst!

Also radeln wir los. Etwa vier Stunden später blicke ich zufrieden auf meine Runtastic-App: 65 Kilometer haben wir geschafft. Der Scheiblingstein scheint flacher geworden zu sein – oder wie sonst war es möglich, dass ich das tatsächlich geschafft habe! Knapp 20 Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit, sagt die App, und das trotz der Höhenmeter und obwohl ein Teil der Strecke durch die Stadt mit einigen Ampeln geht, auch darauf bin ich stolz. Es wird, es wird, sage ich mir. Beim Abendessen reden wir über die nächsten Ziele. Irgendwann, vielleicht noch heuer, knacke ich 100 Kilometer am Tag. Und es dürfen ruhig mehr Höhenmeter werden. Ich muss sie nur finden hier im relativ flachen Umland von Wien.

Zwei Wochen später kommt der Rückschlag. Mein Rücken schmerzt wieder einmal und zwingt mich, kürzerzutreten, und zwar so kurz, dass ich eher von „bisschen bewegen“ sprechen kann als von „sporteln“. Nach ein paar Wochen mühsamer Physiotherapie wird es aber wieder besser und ich kann wieder hoffen.

Ich kenne das mittlerweile seit Jahren: Ich jogge, radle, schwimme, weil ich Spaß daran habe. Ich steigere mich und freue mich wie ein kleines Kind über jeden kleinen Fortschritt. Vielleicht wird es ja doch einmal etwas mit dem erträumten Triathlon. So lange, bis mich die Schmerzkeule trifft und ich Pause machen muss. Sobald ich schmerzfrei bin, lege ich aber wieder los. Und der Ehrgeiz, die Neugier, wie viel, wie weit, wie hoch ich es wohl schaffen kann, spornt mich an. Bis zur nächsten Schmerzattacke. Blöd ist nur, dass ich mir vorkomme wie in einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel: Ich komme voran, würfle manchmal auch eine Sechs – bis ich rausgeworfen werde und zurück muss zum Start. Manchmal wundere ich mich über mich selbst, dass ich nicht schon längst das Handtuch geworfen habe.

Hast du dich mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt?

Bei jeder Schmerzattacke begleitet mich diese Frage! Ich werde auch immer wieder gefragt: „Warum tust du das alles, wo du immer wieder solche Schmerzen hast?“ Meine Antwort: Weil ich ohne Bewegung genauso viele Schmerzen und mit Bewegung aber mehr Spaß im Leben habe. Natürlich wäre es naheliegend, mich zu schonen und vorm Fernseher lümmeln. Ich hab’s ausprobiert: Das frustriert mich erst recht! Abgesehen davon, dass der Rest des Körpers sich als Couchpotatoe gar nicht wohl fühlt. Mit Sport aufzuhören, nur weil der Rücken, die Schulter oder das Knie zwischendurch meint, es hätte keine Lust, das kommt mir gar nicht in den Sinn.

Wie gehst du damit um, wenn dir die Sorgen, deine Ziele nicht zu erreichen, in den Sinn kommen?

Meine Nemesis ist der Ehrgeiz, der mich gern über meine (Schmerz-)Grenzen hinaustragen möchte, mein immer noch unerschütterlicher Glaube daran, dass ich alles erreichen kann, wenn ich es nur will. Vielleicht ist das ja auch sowas wie chronische Selbstüberschätzung ;-) Wenn dann jemand lächelnd sagt „Naja, aber in deinem Alter kannst du doch nicht mehr alles erreichen!“, dann lächle ich zurück: „Erst mal probieren, dann weiß ich, ob ich es kann.“

So hangle ich mich von einem Versuch zum nächsten und finde immer wieder eine Herausforderung, die mich reizt. Und die ich mir erlaube, schon auch mal zu revidieren oder an die sich verändernden Möglichkeiten meines Körpers anzupassen. Seit ich zum Beispiel vor ein paar Jahren zufällig in Kroatien bei einem Triathlon zugesehen habe, hat er sich als fixe Idee in meinen Kopf gesetzt: Boah, ich will auch! Dieser Esprit, den ich da mitten unter den Athleten spürte, diese ansteckende positive Spannung in der Luft! Natürlich dachte ich zuerst einmal an die olympische Distanz, also 1,5 KilometerSchwimmen, 40 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen. Doch nachdem sich in mir Ehrgeiz und Schmerzen ständig duellieren, habe ich diesen Traum angepasst. Es darf auch ein bisschen weniger sein: Die Sprint-Distanz (also jeweils die Hälfte) zu schaffen, das ist doch auch ein tolles Ziel, oder? Auf jeden Fall ist das weit realistischer und macht demnach mehr Spaß. Denn von eiserner Disziplin und Zähne zusammenbeißen halte ich nicht viel. Es muss schon leichtfüßig gehen, sonst interessiert es mich nicht.

„Warum eigentlich?“ – Was bleibt trotz der Hindernisse dein Antrieb, deine persönlichen Herausforderungen in Angriff zu nehmen?

Dass ich trotz der ständigen Rückschläge immer wieder aufs Neue meine sportlichen Fähigkeiten auf die Probe stelle, zeigt mir, wie essenziell es ist, Grenzen auszuloten. Ich glaube, das ist ein wichtiger Prozess im Rahmen der Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung. Ich will über mich Bescheid wissen, will wissen, was mein Körper schafft und was nicht.

Das mache ich nicht nur im Sport so. Auch in meiner beruflichen Karriere habe ich mich eigentlich ständig an meinen Grenzen entlang bewegt, habe jede Menge Hürden überwunden und gekämpft. Und ich behaupte mal: Hätte ich das nicht getan, wäre ich heute nicht in der privilegierten Lage, meinen Traumjob auszuüben.

Mein Antrieb ist in jedem Fall die Neugierde: Wie ist das, wenn man’s kann? Wenn man es geschafft hat? Und zur Neugierde gehört auch der Überraschungseffekt, von denen ich dreierlei Arten feststelle:

Typ 1. „Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ich das kann.“ – Als ich vor zwei Jahren mit meinem Schwimmtraining begann und mir selbst nach zwei Monaten regelmäßigem Training schon nach zwei Längen die Luft ausging, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich kurze Zeit später mehr als 80 Längen am Stück schaffen würde. Doch es ging, locker auch noch!

Typ 2. „Hey, das war gar nicht so schwierig wie gedacht.“ – So ging es mir, als ich Squash lernte. Ich dachte immer, der Ball wär viel zu klein ;-)  

Typ 3. „Okay, geschafft. Aber so interessant ist das ja gar nicht!“ – In meinem Fall war das beim Versuch, Flamenco zu lernen.

Das sind alles wichtige Erkenntnisse, oder? Ich glaube, das ist damit gemeint, wenn man sagt, Grenzerfahrungen stärken das Selbstvertrauen. Je genauer ich weiß, was ich will und was ich kann (und was nicht), desto selbstbewusster kann ich mich durchs Leben bewegen. Sport ist für mich ein bisschen wie Spiel: Ich lote meine Möglichkeiten aus, aber nur soweit es mir Spaß macht. Was keinen Spaß macht, dafür finde ich auch keinen inneren Antrieb.

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  • Mut machend!

    Was für ein tolles Interview - danke dafür! Solche Mutmachgeschichten finde ich enorm wichtig, und sie spornen mich persönlich noch mehr an als Berichte über sportliche Höchstleistungen.

  • Alles ist relativ!

    Ich finde ja, jeder sollte die Länge "seines" Marathons selbst bestimmen dürfen ;-)