„Warum eigentlich?“ – Daniela D. pilgert auf dem Jakobsweg

Foto: Daniela D., auf dem Jakobsweg von gelben Pfeilen gut geleitet.
Foto: Daniela D., auf dem Jakobsweg von gelben Pfeilen gut geleitet.

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen? 
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind? 
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“

Heute fragen wir: Daniela D., Sozialarbeiterin

„Für mich wäre ein Abbruch die größere mentale Leistung gewesen.“

Wie sah deine persönliche Herausforderung genau aus?

Der Plan war, den Jakobsweg von Porto in Portugal nach Santiago de Compostela in Spanien zu wandern beziehungsweise zu pilgern. Das sind etwa 240 km.

Mein damaliger Ehemann und ich hatten uns für den portugiesischen Pilgerweg und nicht für die „Hape-Kerkeling-Strecke“ entschieden, weil wir auf letzterer zu viele Mitwanderer befürchteten. Wir wollten uns spirituell auf den Weg machen und uns nicht fühlen wie an einem Adventssamstag in der Fußgängerzone. Die Wahl fiel also auf die portugiesische Strecke - die ist weniger stark frequentiert. Außerdem sprach für diese Tour, dass der Weg als relativ einfach und abwechslungsreich beschrieben war. Mir ging es nie um Quälerei, sondern um Anstrengung in Maßen. Mich reizte nicht die sportliche Herausforderung, sondern die Idee der inneren Einkehr.

Für die Wanderung hatten wir maximal zwei Wochen – also 14 Tage – Zeit. Das schien machbar.

Vor der Reise: Gepäck abwiegen. Auf jedes Gramm kommt es an! Foto: Daniela D.
Vor der Reise: Gepäck abwiegen. Auf jedes Gramm kommt es an!
Foto: Daniela D.

Ein Problem lag schnell auf der Hand: Es gibt die Empfehlung, dass eine ungeübte Wanderin möglichst nur mit einem Gepäckgewicht von 10 % des eigenen Körpergewichts unterwegs sein soll. Das war nicht einzuhalten, da ich nicht mal 50 kg auf die Waage brachte. Und ich brauchte neben Kleidung und Waschzeug auch noch eine Isomatte und einen Schlafsack, denn wir wollten nicht in schicken Hotels übernachten, sondern in den „berüchtigten“ Pilgerherbergen einkehren, in denen man in Schlafsälen mit bis zu 60 Personen schläft und in denen die Betten nur mit einer abwaschbaren Matratze ausgestattet sind. Die Isomatte war für den Fall, dass mal alle Betten in einer Herberge ausgebucht wären. So was soll vorkommen.

Glücklicherweise war mein damaliger Ehemann bereit, ein paar Sachen von mir zu tragen. Dennoch kam ich mit dem Gewicht von 5 kg nicht aus. Immerhin muss man ja auch Trinkwasser für einen ganzen Tag sowie etwas zu essen für unterwegs tragen. So wurden aus 5 kg immer um die 7 bis 8 kg, die es galt, jeden Tag um die 20 km weit zu tragen.

20 km sind nicht sooo weit?! Stimmt – einen Tag lang nicht. Aber das knappe zwei Wochen jeden Tag zu tun und dann mit dem Gewicht auf dem Rücken, das man nicht gewohnt ist, war dann doch anstrengend.

Erstaunlicherweise habe ich das mit der guten Ausrüstung ganz gut hinbekommen. Mein guter Rucksack sorgte dafür, dass mir wirklich nie der Rücken weh tat, in den Schuhen hatte ich keine einzige Blase (nur mal eine ganz kleine Druckstelle, die mit einen Pflaster schnell wieder verschwand), die leichte, schnell trocknende Outdoor-Kleidung konnte ich jeden Abend waschen und am nächsten Morgen trocken wieder anziehen und die leichten Outdoor-Handtücher sowie das gute leichte Regenzeug waren ein wahrer Segen, wenn man so eine Tour macht!

Nur in meinen Füßen hatte ich seit dem zweiten Tag starke Schmerzen. Dummerweise habe ich das weder auskuriert noch ausreichend mit Schmerzmitteln unterdrückt. Rückblickend sehe ich das als Dummheit an, denn die starken Schmerzen haben mir die Tour doch sehr unangenehm gemacht.

Noch schlimmer habe ich allerdings den Schlafmangel empfunden. Oder besser gesagt: Die Schmerzen haben mit dazu geführt, dass ich nachts einfach nicht zur Ruhe kam. Außerdem hat mich das Schnarchen der Mitwanderer im Schlafsaal wach gehalten. Ich hatte immer erwartet, dass ich irgendwann mal vor lauter Übermüdung trotz aller Widrigkeiten erholsam schlafen würde. Leider ist mir das in den Herbergen nicht gelungen.

Etwa auf Hälfte der Strecke waren wir eine Nacht in einer Pension. Dort habe ich tatsächlich über 12 Stunden schlafen können. Das war unglaublich gut. Aber es reichte nicht wirklich lange... Doch mein Stolz und meine Sturheit haben dazu geführt, dass ich nicht häufiger in Hotels oder Pensionen schlafen wollte. Außerdem – jetzt endlich mal was Positives – fand ich die Abende in den Herbergen mit den anderen Wanderern aus aller Welt wirklich toll. Die wollte ich nicht verpassen, denn das war mit das Beste an der ganzen (Tor-)Tour.

Gleichzeitig waren die Mitpilgerer aber auch Auslöser dafür, dass ich mich am zweiten Tag so überfordert habe, dass ich die schon beschriebenen Schmerzen in den Füßen entwickelt habe. Wir waren am zweiten Tag mit Leuten aus der Unterkunft der ersten Nacht gemeinsam auf der Etappe unterwegs. Diese Etappe war mit ca. 28 km die längste der gesamten Wanderung bis nach Santiago. Hinzu kam, dass wir an diesem Tag sehr hohe Temperaturen hatten. Es war unglaublich heiß. Und es war eben erst die zweite Etappe und der Körper war noch nicht auf diese Leistung eingestellt. Ich war noch nicht an das Gewicht des Rucksacks gewöhnt, meine Muskeln waren noch schlapp und ich hatte mich auch noch nicht akklimatisiert. Sehr vermutlich hätte ich diese Etappe, wenn ich allein oder nur mit meinem damaligen Ehemann gewandert wäre, irgendwann abgebrochen. Manche Wanderer machen es zum Beispiel so, dass sie ein Taxi für das letzte Stück nehmen und sich am nächsten Tag dort wieder absetzen lassen und den Rest laufen.

Aber in der Gruppe, die sich an diesem Tag zufällig zusammengefunden hatte, fiel es mir schwer, meine eigenen Grenzen wirklich ernst zu nehmen und zu wahren.

Wenn ich etwas aus dieser Situation gelernt habe, ist es, dass ich mir zukünftig genau überlegen möchte, wann ich welche Grenzen ganz bewusst überschreite. Diese Grenze am zweiten Tag zu knacken, aber dafür fast  zwei Wochen lang die Folgen zu tragen, war – aus meiner subjektiven Sicht – eher dumm als tapfer.

Hast du dich mal mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt? Und hat dir die Möglichkeit, dein Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge gemacht?

Oh ja, das hatte ich von Anfang an im Kopf. Mehr noch: Es war weniger die Sorge, es nicht zu schaffen, als die Sorge, mich quälen zu müssen.

Übrigens: Wir haben es am Ende wirklich geschafft – sogar in 13 statt in 14 Tagen.

Die letzten paar Hundert Meter hat mein damaliger Ehemann meinen Rucksack getragen, weil

Angekommen in Santiago di Compostela - das ist er also, der berühmte Dom. Foto: Daniela D.
Angekommen in Santiago di Compostela - das ist er also, der berühmte Dom.
Foto: Daniela D.

meine Schmerzen in den Füßen kaum noch zu ertragen waren. Ich hätte am liebsten auf den letzten Metern noch aufgegeben. Aber durch seine Hilfe sind wir angekommen. Das Ankommen an der Kirche war dann ziemlich ernüchternd. Der Weg war viel, viel schöner gewesen als diese furchtbar überlaufene Stadt mit dem von Baugerüsten umgebenen Dom mit all den ach so heiligen Pilgern.

Wie bist du mit deiner Sorge vor dem Scheitern umgegangen?

Ich habe versucht, meine Grenzen im Vorfeld möglichst genau abzuschätzen und mit Training sowie einer guten, möglichst leichten Ausrüstung sowie der Auswahl des für mich angemessenen Weges für mich zu sorgen. Ich bin kein Typ für Grenzerfahrungen und große Anstrengungen. Davon habe ich im Alltag schon genug.

Im Nachhinein denke ich, dass ich in gewisser Weise sogar gescheitert bin, obwohl ich ja das Ziel erreicht habe: Denn mein Ziel war nicht, unter allen Umständen Santiago zu erreichen – was ich geschafft habe –, sondern zu mir und auf dem Weg zu etwas Gutem zu finden. Aber ich habe mal wieder durchgehalten und mich durchgebissen. So gesehen bin ich gescheitert –  denn Durchhalten ist etwas, das ich vorher schon konnte. Für mich wäre ein Abbruch oder eine sonstige Entscheidung gegen das Durchhalten die größere mentale Leistung gewesen.

 „Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Die Idee war, im Gehen zu sich zu finden, sich nur noch auf das Wesentliche zu konzentrieren. Einfach mal auszuprobieren, wie wenig man wirklich braucht. Zwei Wochen nur mit einem Rucksack unterwegs zu sein, nur auf den eigenen Füßen vorwärts zu kommen – und das auf einer Strecke, die mir normalerweise schon mit dem Fahrrad zu weit wäre.

Ich hatte mir von dieser Art zu reisen und meine Tage zu verbringen möglichst wenig Ablenkung von mir selbst und meinen eigenen Gedanken erhofft. Ich wollte einfach nur laufen, ohne Verpflichtungen, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen, ohne irgendjemandem etwas zu beweisen.

Ich war neugierig darauf, was mich erwartet, wenn ich einfach mal mache, was ich noch nie getan habe. Wie bei einem Geschenk, das verpackt ist und von dem ich noch nicht weiß, was im Päckchen verborgen ist. Meine Hoffnung war, es werde „irgendwas Tolles“ passieren, irgendeinen „Aha-Effekt“ geben – so was kann man sich im Vorfeld nicht vornehmen: So etwas passiert oder passiert nicht.

Mein Fazit: Für mich persönlich gilt zukünftig noch viel mehr die Regel: Überfordere dich nicht. Denn die Schmerzen haben genau zu der Quälerei geführt, die ich nicht wollte. Und woher kamen die Schmerzen? Von dem Gruppendruck, den ich unnötigerweise empfunden habe und den ich ja unbedingt vermeiden wollte.

Also, wenn ich nochmal pilgern sollte, dann nur mit noch besserer mentaler Vorbereitung – denn der Weg war der Richtige, die Ausrüstung auch. Nur mein innerer Erfolgsdruck hat mich leiden lassen.

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