„Warum eigentlich?“ Claus F. Berthold bereitet sich auf den 160-Kilometer-Lauf „TorTour de Ruhr“ vor

Foto: Claus F. Berthold
Foto: Claus F. Berthold

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen?
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind?
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad, statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“

Heute fragen wir: Claus F. Berthold, Social-Media-Berater

Stets treffe ich Menschen, die sich draußen bewegen wollen, und das aus Freude.“

Wie sah deine Herausforderung genau aus?

2009 bin ich meinen ersten Marathon gelaufen, in 2010 zum ersten Mal 50 Kilometer in Bottrop. Dabei habe ich zum ersten Mal von der TorTour de Ruhr gehört, einem Nonstop-Lauf durchs Ruhrgebiet. Da es sich um einen Einladungslauf handelt, kann man sich nicht einfach anmelden, sondern muss fragen, ob man mitmachen darf. 2012 durfte ich dort beim Bambini-Lauf, also der 100-Kilometer-Strecke, mitmachen. Kaum im Ziel angekommen fragte ich, ob ich beim nächsten Mal die 100 Meilen, also 160 Kilometer, mitlaufen könnte. Somit war das Ziel für 2014 klar, 160 Kilometer nonstop an der Ruhr entlang.

Hast du dich vorher mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt? Und hat dir die Möglichkeit, dein Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge gemacht?

Selbstverständlich fragt man sich das. Auch wenn man 100 Kilometer gelaufen ist, sind 160 Kilometer etwas vollkommen anderes. Man muss auf jeden Fall eine Nacht durchlaufen, man muss sich ordentlich ernähren, die richtige Ausrüstung haben. Es sind nur 60 Kilometer mehr, aber bevor man dies angegangen ist, weiß man nicht, was einen erwartet. Jeder Bericht, den man liest, jede Erzählung, der man lauscht, öffnet neue Perspektiven zur anstehenden Aufgabe. Ich habe angefangen zu planen, wie ich trainieren will, ich habe Meilensteine eingebaut, habe eine Crew organisiert, habe viele kleine Bausteine beisammen getragen, die alle dazu beigetragen haben, das ich mir weniger Sorgen machte, es nicht zu schaffen. Meine 100 Kilometer an der Ruhr entlang haben mir eins beigebracht, man kann das schaffen, wenn man den linken vor den rechten Fuß setzt und weitergeht. Oder wie andere sagen, wenn es nicht mehr läuft, geht man so lange, bis es wieder läuft. 

Wie bist du mit deinen Sorgen, scheitern zu können, umgegangen?

Ich bin gescheitert und dies mit vollem Bewusstsein, und es schmerzte und schmerzt immer noch. Nur Sorgen um das Scheitern habe ich mir nicht gemacht, weil ich mir dachte, wenn ich es nicht versuche, ist das Scheitern noch viel größer und schmerzlicher. Im ersten Halbjahr 2013 gab es persönliche Gründe, warum ich nicht so viel trainieren konnte und wollte, wie ich es hätte machen sollen. In der zweiten Hälfte lief es besser und ich fand Spaß am Training, auch als Ausgleich zu vielen Dingen, die in meinem Leben passierten. Dann nahm ich an einem 100-Kilometer-Lauf in Unna teil und merkte mittendrin, dass bei mir die Luft raus war. Nach einem Marathon musste ich aufhören und mich zu meinem Auto zurückbringen lassen. Ein paar Tage später waren die Schmerzen in der Brust immer noch da, also ging ich zum Arzt, der eine Gürtelrose diagnostizierte. Er meinte, es sei ganz gut gewesen, dass ich nicht zu Ende gelaufen bin, hätte auch mein Ende sein können ...
Zumindest bedeutete dies eine Laufpause für mich, aber ich versuchte noch einmal, anzugreifen und ins Training zu kommen – und da kamen dann auch Sorgen hoch. Wenn ich nicht eine bestimmte Menge trainiere, kann ich nicht mitlaufen. Bis zu dem Punkt, als ich mich entschied, den Lauf abzusagen. Sich einzugestehen, dass man sich nicht ausreichend darauf konzentriert hat, das Ziel zu erreichen, war nicht einfach. Aber ich wollte auch nicht, dass die anderen Teilnehmer oder die vielen, vielen Helfer darunter zu leiden haben, dass ich mich nicht ausreichend dazu bekannt habe. 
Natürlich habe ich den Lauf über alle möglichen Kanäle verfolgt, und für mich war es ein schreckliches Wochenende. Für die Teilnehmer auf der Strecke ebenfalls, weil die Sonne erbarmungslos brannte und das keine schönen Bedingungen waren. Mich hat es traurig gemacht, den Lauf zu beobachten, weil ich wusste, mit der richtigen Vorbereitung hätte ich teilnehmen und beenden können.

„Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Mein erster Marathon war schön, hat mich aber auch traurig gemacht. Ich hatte eine Zielzeit, die ich nicht erreicht habe, und auch wenn mir natürlich viele zum Marathon gratulierten, so war ich nicht zufrieden. Als ich ein Jahr später zum ersten Mal einen Ultra lief, änderte sich sehr viel in mir. Zum einen ist die Gruppe an Menschen eine kleinere, die so etwas macht, die Anerkennung ist, zumindest von außen, recht groß. Aber wichtiger war das Erlebnis, dass Zeit keine Rolle spielen muss. Wir liefen in einer Gruppe zu viert los und quatschten 30 Kilometer nur so vor uns hin. Es gab kein verbissenes Auf-die-Uhr-Schauen, sondern ein fröhliches Miteinander. Das begleitet mich bei allen Ultraläufen, die ich seitdem gemacht habe, stets treffe ich Menschen, die sich draußen bewegen wollen, und das aus Freude. Natürlich gibt es Ehrgeizige dabei, die gegen sich und andere gnadenlos sind, aber das sind die wenigsten.
Das „Warum“ beantwortet sich für mich mit dem warmen Gefühl des Stolzes, wenn man sein Ziel erreicht hat, das man ganz für sich alleine genießen darf. 

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