„Warum eigentlich?“ Carmen Eickhoff-Klouvi wandert 100 Tage lang täglich durch den Deister

 

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Foto: Carmen Eickhoff-Klouvi

„Dann entdeckte #100days mich und ich wusste: Das ist meine Chance!“

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen?
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind?
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“

Heute fragen wir: Carmen Eickhoff-Klouvi, Texterin, Journalistin und Social Media Managerin

Wie sieht deine Herausforderung genau aus?

Zurzeit nähere ich mich mit riesigen Schritten dem Ende von „100 Tage Deisterwanderungen“. Der Deister ist das nördlichste Mittelgebirge Deutschlands, liegt mitten in Niedersachsen und ist meine Heimat. Dabei fotografiere ich täglich etwas Typisches für die jeweilige Wanderung, vermeide aber nach Möglichkeit touristische Motive und stelle auch nichts. Einfach schnell aus der Hüfte mit dem Handy ein Foto, um den Wandertag zu dokumentieren. Zu sehen sind die Bilder auf meiner Facebook-Seite „Textscheune“
Vor wenigen Monaten stieß ich auf das 100-Tage-Projekt „100 Days of Inspiration“ (#100days) . Es geht dabei darum, sich selbst 100 Tage am Stück herauszufordern mit etwas, das einem gut tut, und eventuell kurz darüber zu berichten, etwa mit einem Foto oder Blogeintrag. Steigert die Lebensfreude, das ist alles. Man entscheidet selbst, was einem gut tut und inspiriert oder glücklich macht. Unrealistische Zielen nutzen nicht, dann tritt das Gegenteil ein und man verzweifelt, wenn man das Ziel nicht erreicht!
Die tatsächliche Herausforderung ist die Lückenlosigkeit! Meine Tage sind oft lang, neben der Arbeit gibt es ein voluminöses Privatleben zu managen. Täglich die Zeit für eine Wanderung abzuzwacken, ist schwierig.

Foto: Carmen Eickhoff-Klouvi
Foto: Carmen Eickhoff-Klouvi

Und mal ganz unter uns: Ich empfand pures Wandern oder Spazierengehen bisher als Höchststrafe, in meinen Augen war es Zeitverschwendung! Um von A nach B zu kommen, wäre man mit dem Rad schneller, und Joggen macht wesentlich mehr Spaß! Zuletzt hatte ich bei Schottischen Highlandgames Baumstämme geschmissen, nun also „nur“ Wandern? Zeit verschwenden, von der ich gefühlt zu wenig habe? 
Es war schon die erste Herausforderung: Würde ich diese mentale Hürde überwinden, wären auch andere Dinge möglich. Mentale Hürden sind keine echten, nur schwieriger zu überwinden als echte. 

Wie schaffst du es, dass du am Ball bleibst? Und musst du manchmal gegen den inneren Schweinehund ankämpfen?  

Foto: Carmen Eickhoff-Klouvi
Foto: Carmen Eickhoff-Klouvi

Schweinehund?! Den habe ich bei diesem Projekt noch nicht entdeckt! Eher andersrum: Ich freue mich mit jedem Tag mehr auf die Strecken! Ich entdecke so unglaublich viel am Wegesrand! Anfänglich wollte ich noch wochenweise thematisch variieren und mal die Schönheit der Gegend porträtieren, dann wieder die Grausamkeiten der Zivilisation in Form von Müll an merkwürdigen Orten dokumentieren. Aber die Wanderungen sind viel zu wunderbar, es wäre eine Frechheit, diesen Genuss des Seins nicht schier zu erleben.

Die Wanderungen sind übrigens mal kürzer und mal länger, ich habe bewusst kein Mindestmaß festgelegt, weil das unrealistisch gewesen wäre. Wenn ich wenigstens 400 Meter gelaufen bin an einer Stelle, die ich sonst nicht abgegangen wäre, ist das auch mal in Ordnung. In der Regel sind es zwischen fünf und zehn Kilometern pro Tag, die ich an wechselnden Orten bewandere oder jogge. Auch das habe ich nicht festgelegt, ich will einfach nur die Bewegung an der frischen Luft genießen. Zum Glück wohne ich in einer herrlichen Region Deutschlands und hatte zudem mit dem späten Frühjahr den besten Startzeitpunkt: Jede Menge lange Abende mit zahllosen Sonnenuntergängen! 

Und wenn der Alltag doch mal zuschlägt? Wie sieht deine Strategie dann aus, um deine 100-Tage-Challenge nicht zu unterbrechen?

Als es wirklich mal haarig war, hat mich eine Verabredung zum Gassigehen animiert. So wurde aus der angepeilten Notfallrunde um den Block ein sehr schöner, langer Abend unterwegs im Regen. Die andere Möglichkeit: Mir selbst sagen, dass ich ja nur kurz raus brauche, Betonung auf „kurz!“, und einfach in die Schuhe steigen. Sobald ich draußen bin, bin ich auch kaum noch zu bremsen und finde kein Ende.

„Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Foto: Carmen Eickhoff-Klouvi
Foto: Carmen Eickhoff-Klouvi

Mir fehlte die Bewegung, die ich durch meinen Sport, die Schottische Highlandgames, bis vor einiger Zeit hatte, aber ohne neues Ziel kam ich nicht in Schwung. Außerdem hatte ich die beste aller Ausreden: Keine Zeit! Unerklärlicherweise muss für mich Sport/Bewegung mindestens eine Stunde dauern, und die habe ich selten. Einfach mal eine Runde drehen, warum nicht? Aber: Wann? Und schon verging weitere Zeit, ungenutzt!

Dann entdeckte #100days mich und ich wusste: Das ist meine Chance und - ging los!

Die Natur an meinem Wohnort ist grandios, die liebte ich schon immer - es gibt viele Menschen, die Geld dafür bezahlen, hier Urlaub machen zu dürfen! Der Deister, das Steinhuder Meer mit Moor, Kurorte, schöne Parks, gute Luft,und immer wieder kilometerweite Aussichten mit prächtigen Sonnenuntergängen! Das alleine füttert die Seele schon so reichhaltig! Das Werden und Vergehen der Flora und Fauna im Verlauf der Wochen so intensiv mitzuerleben, wie es mir bisher noch nie möglich war, alle Sinne bewusst wahrnehmen und nach Feierabend ohne Zeitdruck so weit und lange Freiheit genießen, wie es gefällt, Genuss und wahrer Luxus heute! 

Demut und Dankbarkeit wurden zu meinem ständigen Begleiter! Nicht zuletzt, weil ich täglich sehe, wie schnell selbst das langweilige Wandern zum unerreichbaren Traum werden kann. 
In diesem Sommer so gut wie 100 Sonnenuntergang gesehen zu haben, durch meine Bilder auch andere Menschen daran teilhaben lassen zu können und dieses Glück zu spüren und zu mehren, das ist mein Riesengeschenk aus der 100-Tage-Herausforderung! 

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