„Warum eigentlich?“ Andrea Oehme schwimmt bei 3 Grad Kälte

Die wohlverdiente Hühnerbrühe danach. Foto: Andrea Oehme
Foto: Andrea Oehme

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen?
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind?
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“

Heute fragen wir: Andrea Oehme, Musikerin

„Für nächstes Jahr bin ich wieder angemeldet!“

Wie sah deine persönliche Herausforderung genau aus?

Ich bin am 25. Januar 2014 bei einer Außentemperatur von 7 Grad und einer Wassertemperatur von 3 Grad 4 Kilometer in der Donau geschwommen. Das habe ich im Rahmen des jährlich stattfindenden Donauschwimmens in Neuburg an der Donau getan. Diese Veranstaltung schreibt die Wasserwacht Neuburg an der Donau aus und lädt dabei alle anderen Wasserwachten in Deutschland ein, mitzuschwimmen. Zum Teil kommen auch Teilnehmer aus anderen europäischen Ländern dazu. Ich selbst bin in unserer örtlichen Wasserwacht aktiv und war in diesem Jahr zum ersten Mal beim Donauschwimmen dabei. Die Veranstaltung, die meines Wissens ursprünglich mal als Wintertraining für die Neuburger in den 70er Jahren eingeführt wurde, ist mittlerweile eine Riesengaudi! Die Schwimmer verkleiden sich (soweit das im Neopren halt geht) und viele haben Floße dabei, die ein bestimmtes Thema darstellen, eine laut tönende Musikanlage oder auch einen Grill transportieren, der während (!) des Schwimmens dann angeschürt ist und den Donauschwimmern heiße Würstchen bietet. Andere Floße bieten Heißgetränke oder Schnäpse und Bier - also die Sportlichkeit der Veranstaltung ist von einer Art Faschingslaune überdeckt. Es ist wie ein riesiger Faschingsumzug auf dem Wasser - die Stimmung ist trotz der niedrigen Temperaturen super!
Daneben werden aber auch Einsätze der Wasserwachten gezeigt, in diesem Jahr zum Beispiel eine Rettung mit dem Hubschrauber und mehreren Luftrettern, die dann am Hubschrauber abgeseilt werden und Menschen beispielsweise an einer schwer zugänglichen oder anschwimmbaren Stelle aus dem Wasser retten.
Auf den letzten 300 Metern schwimmen dann noch die "Eisschwimmer" mit, die tatsächlich im Badenzug oder Badehose und durch Sauna gut aufgeheizt in die kalte Donau steigen. Ich selbst war die gesamte Strecke im Neopren dabei.

Hast du dich mal mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt? Und hat dir die Möglichkeit, dein Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge gemacht?

Ich habe im Training immer wieder nachgefragt, ob ich für die 4 Kilometer nicht im Schwimmbad schon vorher trainieren muss. Von den anderen, die teilweise schon mehrfach dabei waren, trainierte niemand. Ich dachte mir: „Irgendwie wird‘s schon gehen.“ Aber „irgendwie“ war mir auch vor den kalten 4 Kilometern mulmig. Ich rechnete mir aus, wie lange ich wohl im Wasser bin, wenn ich 4 Kilometer schwimme und wie kalt mir dann wohl werden würde. Im Schwimmbad liegt meine längste Strecke bisher bei 2,5 Kilometern. Insgesamt wurde ich als immer unruhiger, je näher der Termin rückte, und beobachtete dabei die Anderen, die sich mehr um die Verkleidung und den anschließenden Donauball bemühten, als in irgendeiner Form für die Strecke zu trainieren. „Du musst dafür nicht trainieren. Wir schwimmen doch mit der Strömung.“ Das war die allgemeine Aussage, der ich nicht so ganz Glauben schenken konnte. Dazu kamen Fragen wie: „Hält der Neopren wirklich so lange warm?“ „Sind die Handschuhe und Schuhe ausreichend dick?“ „Wie viel Wasser spült an den Stellen durch, an denen der Neopren nicht voll anliegt?“ Ich hörte immer wieder Geschichten von denen, die so ausgekühlt aus der Donau stiegen, dass sie die Hühnerbrühe, die man am Ausstieg dann entgegengereicht bekommt, nicht trinken konnten, weil sie vor Zittern alles verschütteten ...

Wie bist du mit deiner Sorge umgegangen?

Die wohlverdiente Hühnersuppe danach! Foto: Andrea Oehme
Die wohlverdiente Hühnersuppe danach! Foto: Andrea Oehme

Ich habe auf Anraten eines Freundes Baumwollhandschuhe und Socken nochmal unter die Neoprenhandschuhe und die Schuhe gezogen. Trainiert habe ich nicht viel mehr als sonst, keine 2000 Meter im Training, weil die meisten schon grinsten, wenn ich nachgefragt habe. Außerdem beruhigte mich die Tatsache, dass ständig Boote von der Wasserwacht und vom THW mitfuhren, die Schwimmer einsammelten, die ein Zeichen gaben. Man konnte also aufgeben, wenn man wollte. Ansonsten habe ich es auf mich zukommen lassen - auch, als ich endlich am Bus stand, der uns zur Einstiegsstelle 4 Kilometer vor Neuburg brachte.
Tatsächlich verhielt sich die Sache dann so: Ich stieg in die Donau unterhalb einer Staustufe. Der Einstieg war knackig, da sich der Anzug erst mit dem kalten Wasser füllt, bevor der Körper es anwärmt. Aber es war nicht so schlimm wie befürchtet. Dann legte ich mich zwischen den lustigen Floßen in einen Schwimmring, den einer von unserer Gruppe mir vorher überreichte, und ich paddelte los. Die Schwierigkeit bestand darin, die Hände möglichst nicht im Wasser zu lassen, da die am schnellsten auskühlen. Ich hatte zusätzlich Flossen an und damit einen guten Antrieb. Und dann geschah das Schwimmwunder: die Staustufe wurde geöffnet und wir hatten eine super Strömung, die uns in die Stadt trieb. Ein bisschen Schwimmen, den unendlich vielen Leuten winken, die die Ufer bis in die Stadt säumten, Witze machen und auf einmal waren wir schon an der Ausstiegstelle. Mir war die Sache eigentlich zu kurz (50 Minuten im Wasser), aber ich hatte auch einen relativ dicken Neopren. Die zitternden Hände habe ich am Ausstieg dann tatsächlich bei vielen anderen beobachten können, wobei mir selbst überhaupt nicht kalt war.

„Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Im Grunde war es der Spaß, der mich gelockt hat! Zwar halte ich es als aktive Rettungsschwimmerin und Wasserretterin für ein notwendiges Training, ab und zu in einen Fluss oder offenes Gewässer zu steigen und dort in Ausrüstung verschiedene Sachen zu probieren (auch im Winter!), aber das steht beim Donauschwimmern nicht (mehr) im Vordergrund. Mich hat die ganze Veranstaltung gereizt, von der ich Bilder im Internet gesehen habe und einen Bericht im Fernsehen gesehen hatte. Ich wollte da auch mal dabei sein. Und die Tatsache, dass es eine gemeinsame Unternehmung unserer Wasserwacht war, kam noch hinzu. 
Die 4 Kilometer waren für mich zunächst wirklich eine persönliche Herausforderung, die ich aber letztlich gar nicht wirklich antreten musste. Ich weiß bis heute nicht, ob ich die ohne die starke Strömung geschafft hätte. Die größte Herausforderung war die Kälte und die hat mir mein Neopren gut vom Leibe gehalten.

Für nächstes Jahr bin ich wieder angemeldet!

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