„Sie können doch nicht mit dem Fahrrad nach Köln!“

Frischluftfaktor. Eine Outdoor-Kolumne von Julia Dombrowski.

resized_resized_FiftyFive-Kolumne5396f6d1e0026Zwei Erlebnisse in jüngerer Vergangenheit haben mein aktuelles Verhältnis zum Draußensein geprägt: Zum einen der Besuch bei einem Vortrag von Joey Kelly – ja, das ist der Mann, der mit seiner Familie in auffallend eigenartiger Bekleidung jahrelang fragwürdige Musik gemacht hat. Derselbe Mann, der inzwischen als Extremsportler 24 Stunden am Stück Treppen steigt, 240 Kilometer ohne Pause durch die Sahara joggt oder sich für 14 Tage ohne Proviant im Dschungel aussetzen lässt. Joey Kelly macht nicht nur sehr extreme Dinge, bei denen andere Menschen einfach tot umfallen würden. Er ist auch als Motivationscoach unterwegs und vertritt die These: Seinen eigenen Körper dann und wann zu strapazieren und persönliche sportliche Ziele zu stecken hilft auch dabei, das normale Alltags- und Berufsleben besser zu meistern. Ich gebe das jetzt sehr verkürzt wieder, aber was bei mir hängen blieb, lautet ungefähr: „Renn draußen mehr rum, als du es dir eigentlich zutrauen würdest, und du wirst auch deinen Job mehr mögen und mit deiner Familie besser klarkommen.“

... doch der Mann von kleinem Körperwuchs hat etwas in mir ausgelöst.

Man mag von der Musik der „Kelly Family“ halten, was man will, aber ich kam aus dem Vortrag und hatte ernsthaft vor, meine Outdoor-Aktivitäten in Zukunft zu verstärken. Wo ist der nächste Kanal zu durchschwimmen, der nächste Berg zu besteigen, die nächste Langstreckentour zu bezwingen? Man muss wissen: Ich war nie ein sportlicher Mensch. Ich war in der Schule eine von denen, die im Sportunterricht ständig als Allerletzte in Teams gewählt wurden, weil man mit uns nur verlieren konnte – bloß das Mädchen, das immer komisch roch, war noch nach mir dran. Dass ausgerechnet ich in mein Leben sportliche Ziele integrieren wollte, hatte was von kiffenden Nonnen: Irgendwas passt da nicht. Doch der Mann von kleinem Körperwuchs und überraschend unterhaltsamer Erscheinung auf der Bühne, der diese durchgeknallten Dinge tut und früher für diese unangenehme Musik mitverantwortlich war, hat etwas in mir ausgelöst. Das zweite prägende Erlebnis: Ich hatte an einem Samstag mit meinem Rad den Zug bestiegen, um eine bestimmte Etappe an der Sieg entlang nach Köln zu radeln, eine überschaubare Tagestour. Weil ich in meiner Naivität glaubte, meine Route sei idiotensicher, hatte ich mich weder vorher über den Weg informiert, noch hatte ich Instrumente oder Karten zur Orientierung dabei. Wer braucht schon einen Kompass, um dem Verlauf eines Flusses zu folgen? Ich hatte die Rechnung bloß ohne meine Orientierungslosigkeit gemacht: Ich fand vom Bahnhof aus den Fluss nicht. Also fragte ich einen Passanten.

„Irgendwas hast du bei deinem Plan nicht bedacht!“

„Wo finde ich die Sieg, bitte?“ – „In welche Richtung wollen Sie denn?“ – „Ach, ich suche bloß den Fluss, den Rest des Weges finde ich dann schon.“ – „Ich muss doch erst mal wissen, in welche Richtung Sie wollen!“ – „Oh, Entschuldigung!“ (In solchen Momenten denke ich immer reflexhaft, entstandene Verwirrung läge natürlich an meiner dumm gestellten Frage, und bitte dann ganz automatisch um Entschuldigung.) „Wohin wollen Sie denn überhaupt?“ (… fragte er konsequent nach.) – „Äh … Köln …“ „ Wie meinen Sie das denn? Sie können doch nicht mit dem Fahrrad nach Köln!“ In solchen Augenblicken weiß ich nicht so recht weiter. Ich bin immer erst mal grundsätzlich bemüht, Einwände zu berücksichtigen. Und wenn mir jemand entrüstet sagt, meine Idee sei absurd, dann bin ich bereit, das eine Weile zu überdenken. „Irgendwas hast du bei deinem Plan nicht bedacht“, sagt dann eine leise Stimme zu mir. Mein Gegenüber wies bereits mit einer nachgerade vorwurfsvollen Geste auf das Bahnhofsgelände, vor dem wir standen. Ach so, ja. Man könnte auch mit dem Zug nach Köln fahren. Oder mit dem Auto. Bloß: Ich will doch eigentlich gar nicht nach Köln. Ich will doch nur ein bisschen Bewegung. Mir schien es am diplomatischsten, mein wahres Vorhaben zu leugnen. „Nein, nein, nur Richtung Köln will ich, natürlich nicht ganz dahin.“ – „Aha.“ (Mit dieser Antwort war der Mann zufrieden.) Und dann sagte er: „Ich weiß nicht, wo die Sieg ist.“ Das war wenigstens geklärt. Dieses merkwürdige Gespräch hat mich auf eine Situation im Wald ein paar Monate später vorbereitet. Ich war mit Freunden auf einem Rundwanderweg unterwegs, als einer der Anwesenden sein Handy zückte: „Mein GPS sagt, wir sind viel schneller am Ausgangspunkt, wenn wir nicht im Kreis gehen, sondern einmal quer durchs Gelände!“ Zumindest hatte ich nicht das Bedürfnis, den Zweck eines Rundwanderwegs zu erklären. Oder warum es nicht das Ziel eines Ausflugs sei, möglichst wenige Kilometer zu gehen. Man wächst nämlich an seinen Begegnungen. Mittlerweile habe ich verstanden: Nicht jedem ist klar, warum man sich nach draußen begibt, obwohl es drinnen viel angenehmer klimatisiert ist. Nicht jeder findet sofort einleuchtend, weshalb man seinen Körper hin und wieder ein bisschen strapaziert. Und ich gestehe gerne: Warum ein Joey Kelly sich immer wieder Extremen aussetzt wie bei Wüstentemperaturen unmenschliche Distanzen zu laufen, das verstehe auch ich nicht vollkommen. Würden nicht ein, zwei Marathons und ein paar Iron-Man-Wettbewerbe im Jahr ausreichen? Aber irgendwas gibt ihm das, und ich gönne es ihm von Herzen.

Ich freue mich einfach, dass es funktioniert!

 Irgendwo zwischen Joey Kelly und dem Mann an der Sieg, der mir ein wenig das Gefühl gegeben hat, ein Freak zu sein, liegt das persönliche Soll an Verausgabung, das uns glücklich macht. Denn mit einer Behauptung hat Joey Kelly wirklich Recht: Wenn ich auf ein Ziel hinarbeite, das ein bisschen über meinen Möglichkeiten liegt, und allmählich merke, wie ich mich meinem Ziel nähere (und ja, an uninspirierten Tagen heißt das Ziel bloß „Köln“!): Dann hat das einen Einfluss auf den Entspannungsgrad meines von Zivilisations-Wehwehchen geprägten Büroalltags. Klingt das platt? Mag sein. Aber wenn mein Ärger über die kaputte Spülmaschine sich in Grenzen hält, weil ich mich zurzeit vielmehr auf die nächste Strecke fokussiere, die ich mir noch gar nicht richtig zutraue: Dann freue ich mich einfach, dass es funktioniert. Das genügt doch, oder?

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