Runter vom Display!

Frischluftfaktor. Eine Outdoor-Kolumne von Julia Dombrowski.

Ich hatte vor einiger Zeit eine dieser Smartphone-Apps auf meinem Handy installiert, deren Zweck die Aufzeichnung sportlicher Leistungen ist. Und deren zweiter wesentlicher Zweck es ist, sportliche Leistungen in den sozialen Medien wie Facebook und Twitter auch vor Freunden zu präsentieren: „Statusmeldung: Julia hat eine Wanderaktivität hinter sich und 16,5 Kilometer in 4 Stunden, 23 Minuten zurückgelegt.“ Dafür muss man vor der körperlichen Betätigung daran denken, die App zu aktivieren, damit sie via GPS-Signal aufzeichnen kann, in welcher Geschwindigkeit man sich wie weit bewegt. Wenn ein bestimmtes Häkchen gesetzt ist, verbindet die App sich augenblicklich mit den persönlichen Social-Media-Profilen, damit die Freunde am Computerbildschirm während der körperlichen Ertüchtigung „anfeuern“ können oder zumindest „Gefällt mir“ klicken, um ihr Wohlwollen darüber auszudrücken, dass man den Hintern vom Sofa gehoben hat. Ganz wichtig noch: So eine App will informiert sein, ob es nun Fahrradfahren, Wandern, Walken oder Joggen ist, was man gerade tut. Nicht, dass die App analysiert, man würde gemütlich spazieren, während man in Wirklichkeit schweißüberströmt joggt: Was für den einen Joggen ist, mag für eine undiplomatische technische Einrichtung gerade mal wie Schlendern aussehen.

Die App hat keine Bleibeberechtigung auf meinem Smartphone erhalten. Sie musste wieder verschwinden. Nicht, weil sie mir missfallen hätte! Im Gegenteil, so eine technische Spielerei macht Spaß: Ich mochte es, unterwegs alle paar Minuten nachzuschauen, wie es um das eigene Tempo steht. Das weckt Ehrgeiz: Kann man die Geschwindigkeit in der nächsten Stunde erhöhen? Es aktiviert das innere Belohnungssystem: Ui, so viele Kalorien auf der Strecke verloren? Jetzt bin ich aber stolz auf mich! Selbst auf Wandertouren, die man ganz allein unternimmt, kann man virtuell mitten unter Menschen sein: Das Smartphone gibt ein „Ping“ von sich, und man liest, dass ein Facebook-Freund mittlerweile lobend kommentiert hat: „Ui, bei dem Nieselregen bist du unterwegs? Respekt. Ich sitze hier mit Chips und Bier vor der PlayStation!“

Klar ist das schmeichelhaft, aufschlussreich und ein bisschen spannend!  Reizvoll allemal.

Aber Touren sehen wieder anders aus, seit ich die App vom Smartphone geschmissen hab:

Jetzt nehme ich wieder die Natur wahr, sehe Lichtspiele auf dem Waldboden, Insekten, Vögel und entdecke manchmal wieder huschende Nagetiere zwischen den Baumstämmen. Ich merke, wenn die Gerüche in der Umgebung sich verändern, spüre unterschiedliche Beschaffenheit des Bodens, genieße das teppichartige Gefühl, wenn ich über eine Fläche gehe, die dicht mit Tannennadeln bedeckt ist. Ich lasse Gedanken schweifen und gehe oft absichtlich langsamer, um Zeit zu haben, plötzlichen Ideen nachzuspüren. Ich gehe nicht mehr schneller, weil eine elektronische Aufzeichnung mich mit Stolz belohnt, weil ich durch den Wald rase, als würde mich eine Wildschweinherde verfolgen.

Seit die App vom Display runter musste, halte ich auch endlich wieder die Augen vom Display fern. Bildschirme sehe ich schließlich oft genug im Alltag.

Es war eine kurze Liebe – eine kleine Weile leidenschaftlich, aber die Trennung war vorhersehbar: Liebe App, du hast es wirklich gut mit mir gemeint: Aber du ich, wir passen nicht zusammen!

Julia Dombrowski
Julia Dombrowski

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