Die Wanderparty – Erfolgsstory trotz Zusammenbrüchen

Frischluftfaktor. Eine Outdoor-Kolumne von Julia Dombrowski.

resized_resized_FiftyFive-Kolumne5396f6d1e0026Ich habe mal etwas erfunden, eine Veranstaltungsart: Ich nenne meine Erfindung „Wanderparty“, und das klingt möglicherweise mehr nach Musik und alkoholischen Getränken, als das Konzept verdient. Aber unabhängig vom Namen ist die Idee so einfach wie genial. Bei der Wanderparty geht es darum, Menschen aus allen Bekanntenkreisen und Verwandtschaftsgraden dazu einzuladen, sich in einer netten Gemeinschaft draußen zu bewegen. Die Idee dazu hatte ich vor einigen Jahren, als ich gerade auf meinem Lieblings-Rundwanderweg unterwegs war und mir spontan der Gedanke kam, dass ich unheimlich gerne in einer bunten, wild zusammengewürfelten Gruppe dort entlanggehen würde. Freunde, Familie, Kollegen – ganz egal. Je mehr Menschen, desto lustiger. Jeder bringt einfach noch jemanden mit.

Die Idee gefiel mir so gut, dass ich sie sehr bald schon erstmalig in die Tat umgesetzt hab. Inzwischen habe ich genug Lehren aus meinen diversen Wanderparty-Erfahrungen gezogen, dass ich mich weise genug fühle, einige davon weiterzugeben:

Streckenauswahl: Das ist so eine Sache. Man wird es nie allen recht machen. Erfahrungsgemäß überlebt aber jeder gesunde Mensch, der sich grundsätzlich zum Wandern bereiterklärt hat – auch wenn er nicht genau weiß, worauf er sich einlässt und untrainiert ist – eine Strecke von 10 bis 15 Kilometern mit bis zu 500 zu überwindenden Höhenmetern. Zum Vergleich: Unsere Vorfahren, die Höhlenmenschen, haben sich sowieso jeden Tag 30 Kilometer weit zu Fuß bewegt, nur um genug Nahrung für den Tag zu jagen und zu sammeln. Deren Gene haben wir immer noch – wir Menschen können so was! Und ja, Kinder auch, ich hab schon sehr rege Sechsjährige erlebt. Bei Unsicherheit über die Fitness der Eingeladenen: lieber 10 als 15 Kilometer wählen.

Wichtigstes Instrument der Wanderparty-Organisation: Mitleidig gucken und nicken.

Womit man eine Wanderparty-Erfinderin unheimlich ärgern kann: Indem man die „Wanderparty“ (= cooles Konzept!) einen „Wandertag“ (daran klingt gar nichts cool!) nennt. „Wann findet noch mal dein Wandertag statt?“ „Es ist eine PARTY, verdammt!“ Absolutes No-go!

Die Zusammenbrecher: Keine Angst, gemeint sind keine ernsten Zusammenbrüche mit medizinischer Relevanz, die gibt es im Idealfall nicht. Sondern Zusammenbrüche junger, gesunder, schlanker Menschen, die sich bei der ersten Steigung der Strecke dramatisch auf einer Bank drapieren und damit drohen, die Freundschaft oder Verwandtschaft aufzukündigen, weil man ihnen diese Strapaze zumutet. Wenn die Strecke und anliegenden Bänke sehr matschig oder nass sind und die Zusammenbrecher deshalb nicht wissen, wo sie sich drapieren sollen, jammern sie einfach im Stehen, das verkürzt das Intermezzo sehr angenehm. Was in jedem Fall wieder zu tun ist: mitfühlend gucken und nicken, das reicht vollkommen. Auch Zusammenbrecher sagen übrigens am Ende der Veranstaltung normalerweise, dass es ihnen alles in allem doch gefallen hat.

Die Nörgler: Es wird immer Menschen geben, die sich über die Länge der Strecke beschweren, weil es ihnen zu kurz war oder zu lang. Oder das Tempo der Gruppe war zu niedrig. Oder es war zu hoch. Hauptsache, sie erleben den Trost durch mitfühlendes Nicken. Sonst muss man das nicht weiter beachten, das hört von selbst wieder auf.

Kinder: Nimmt man bei einem solchen Party-Ausflug Kinder mit oder nicht? Aus Erfahrung kann ich sagen: Kinder gehören im Allgemeinen nicht zur Gruppe der Zusammenbrecher oder Nörgler. Den meisten Kindern macht solch eine Tour, bei der sie tapfer mit den Erwachsenen mithalten können, sogar richtig viel Spaß. (Je mehr Zusammenbrecher man dabei hat, umso mehr freuen sich die Kinder über die eigene Tapferkeit und haben entsprechend auch umso mehr Spaß.) Zu Kindern auf Wanderpartys kann ich aufrichtig urteilen: Noch nie ging mir ein Kind auf den Senkel. Das kann ich nicht über jeden der Anwesenden sagen.

Einkehren: Das Einkehren ist das Herzstück der Party! Bei der Streckenauswahl ist möglichst darauf zu achten, dass eine nette Einkehrmöglichkeit auf etwa der Hälfte oder aber am Ende der Strecke vorhanden ist. Nur dort kann man einander im Plenum erzählen, wie man fast auf feuchtem Laub ausgerutscht wäre, dass man beinahe gar nicht außer Atem war, als man den Hügel erklommen hat, oder dass man seine Oberschenkel schon spürt, darüber aber kein Wort verlieren möchte. Nicht zu vergessen all die anderen Heldentaten, auf die man in mitteleuropäischen Kulturlandschaften auf befestigten Wegen von 10 bis 15 Kilometern Länge stolz sein kann.

Der Party-Ausklang: Je nachdem, wann das Einkehren stattgefunden hat, sollte die Party unbedingt noch weitergehen. Entweder in der Gastronomie oder zu Hause. Vorbereitete Suppe auf den Herd, Baguette schneiden, Heißgetränke zubereiten und Sprudelflaschen auf den Tisch: Viel Programm brauchen Wanderparty-Gäste am Ende des Tages gar nicht mehr, die sind kaputt genug von der Tour. Dafür freuen sie sich, wenn sie in geselliger Runde noch einmal den Tag Revue passieren lassen dürfen (bis zur Heimkehr haben sich die Heldentaten des Weges meist vervielfacht, und jeder Hügel wird im Rückblick zu einem ausgewachsenen Berg) und untereinander den beginnenden Muskelkater vergleichen können.

Versprochen:Die Freundschaft oder Verwandtschaft kündigen die Zusammenbrecher und Nörgler gar nicht wirklich auf, so wie sie es zwischendurch angekündigt hatten. Jedenfalls nicht, wenn mein Rat beherzigt wird und immer ausreichend mitfühlend geguckt und genickt wurde. Dafür werden Ausrichter von Wanderpartys nach ein paar Monaten mit einiger Sicherheit gefragt, ob man nicht mal wieder so einen Ausflug veranstalten möchte …? Im schlimmsten Fall sagen sie dann: „Findet eigentlich mal wieder so ein Wandertag statt?“ Womit wir wieder am Anfang wären:

Womit man mich unglaublich ärgern kann: Niemand darf zu einer meiner coolen Wanderpartys „Wandertag“ sagen. Niemand!

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