Die Komfortzone verlassen

Frischluftfaktor. Eine Outdoor-Kolumne von Julia Dombrowski.

„Warum machst du das?“, fragt der Freund, wenn ich an einem Herbsttag beschließe, solange zu wandern, bis die Füße sozusagen bluten.

„Wieso mit dem Fahrrad nach Köln?“, fragt der Passant erstaunt, denn es gebe doch einen Zug, der einen gemütlich dorthin fährt.

„Wie kommt man auf die Idee, durch den Bosporus zu schwimmen, dafür gibt es doch keinen vernünftigen Grund?“, fragt die Freundin skeptisch.

Ich finde die Antworten auf solche Fragen schwierig. Für mich liegen sie nicht auf den ersten Blick auf der Hand. Über das „Warum“ mache ich mir nämlich keine Gedanken, bis ich danach gefragt werde. Man kann es sich in der Freizeit ja wirklich gemütlicher machen: Statt zu marschieren, bis die Beine schmerzen, könnte man entspannt spazieren gehen. Statt einen Tag lang auf dem Fahrradsattel zu sitzen, um ein Ziel zu erreichen, könnte man auch im wohlklimatisierten Wohnzimmer auf dem Ergometer ein bisschen für die Figur trainieren und danach bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen. Und Herausforderungen wie eine Bosporus-Durchquerung vereiteln ja wirklich einen entspannten Städtetrip nach Istanbul mit Sightseeing und Einkaufsbummel.

Eine mögliche Antwort, die ich fast empört verneine, ist der Achtzigerjahre-Schlachtruf „Selbstverwirklichung“. Nein, ich finde, ich bin wirklich auch dann ich selbst, wenn ich mich nicht für Herausforderungen entscheide. Mal angenommen, man wäre nur dann „wirklich man selbst“, wenn man kleine oder größere persönliche Abenteuer bestreitet – wer wäre man denn dann in der übrigen Zeit? Ist man nicht man selbst, wenn man wie gewohnt arbeitet, faulenzt, studiert, sich mit Freunden trifft, ausgeht, kocht oder in der Nase bohrt? Ich halte das für zweifelhaft.

In einer Diskussion um dieses Thema kam neulich der Verdacht ins Spiel, Outdoor-Abenteuer hätten eine Menge mit Narzissmus zu tun – dem Wunsch danach, von anderen bewundert zu werden. Bei solch einer Begründung werde ich nachdenklich: Klar ist es ermutigend und bestärkend, wenn man Bestätigung im Umfeld bekommt. Wer freut sich schließlich nicht über Lob und Anerkennung? Natürlich tut das gut! Aber reicht das zur Motivation - oder gar zur Selbstüberschätzung? Wandern, Bergbesteigung, Radfahren, Marathonläufe oder Schwimmen machen aus niemandem bessere Menschen. Bestimmt aber glücklichere.

Vor Kurzem sprach jemand davon, dass es sich gut anfühlt, die eigene Komfortzone mal zu verlassen. Und ich glaube, in diesen Worten liegt der Schlüssel auf die Frage nach dem „Warum eigentlich?“ Die Komfortzone umschließt die Bereiche im Leben, in denen wir uns sicher, behaglich und vertraut fühlen. Doch da draußen muss es noch mehr geben. Erfahrungen, die wir noch nicht hatten, die Überraschung, dass wir mehr können, als wir uns zutrauen – und auch neue Erkenntnisse, wenn wir mit persönlichem Scheitern konfrontiert werden. Nicht alles, was wir uns da draußen vornehmen, werden wir auch erreichen. Und das ist okay.

Wenn wir die Grenzen des Gewohnten dann und wann mal sprengen, werden wir freier. Wenn wir etwas versuchen, das wir nicht schaffen, haben wir dennoch unseren Mut erlebt – und begreifen, dass Scheitern uns nicht umhaut. Das macht uns menschlich nicht besser oder schlechter, aber das macht uns glücklicher. Und glücklicher zu werden, ist immer eine gute Motivation – nicht zuletzt eine passende Antwort auf die Frage: „Warum tust du das eigentlich?“

Es macht mich glücklich. Mir reicht das als Grund.

Julia Dombrowski
Julia Dombrowski
Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

  • wie wahr

    Ein schöner Beitrag! Ich bin ein Mensch, der sich früher immer in der Komfortzone aufgehalten hat, aus Angst vor dem Unbequemen, dem Neuen. Doch immer öfter merke ich: Wenn ich meine Komfortzone verlasse (beim Wandern, beim Joggen etc., aber auch beim Arbeiten), tut das zwar manchmal weh, führt aber zu erstaunlich tollen Erleb- und Ergebnissen. Die die Mühe in der Regel wert sind.
    Das ist also auch meine Motivation.
    (Durch den Bosporus schwimmen würd ich aber trotzdem nicht, auch wenn ich eine Wasserratte bin ... :-)