Die 1-Punkt-Löffelliste

Frischluftfaktor. Eine Outdoor-Kolumne von Julia Dombrowski.

Schon mal den Ausdruck "Löffelliste" gehört? Oder auch "Bucket List", wie es im Englischen heißt? Die Idee der Löffelliste stammt aus einem Film, den ich bislang nie gesehen habe, und gemeint ist damit eine persönliche Liste, auf der alle Dinge stehen, die man tun möchte, ehe man "den Löffel abgibt". Auf Deutsch heißt dieser mir nicht näher bekannte Film Das Beste kommt zum Schluss, und es geht darin um todkranke Männer, gespielt von Jack Nicholson und Morgan Freeman, die ihre verbleibende Zeit mit der Erfüllung lang gehegter Träume verbringen.

resized_resized_FiftyFive-Kolumne5396f6d1e0026Man muss den Film nicht gesehen haben, um schon mal von Löffellisten gehört zu haben; der Begriff ist mittlerweile in die Popkultur eingegangen und macht dort die üblichen Runden. Und um eine Löffelliste zu erstellen, braucht man natürlich auch keineswegs eine tödliche Krankheit zu haben; jedem und jeder steht es offen, für sich zu entscheiden, was dringend zu erleben ist, ehe es mal zu Ende geht. Ich mag das Konzept (ich mag auch den Namen). Allein: Mir fehlt es an Ideen und Überzeugungen, was un-be-dingt auf eine solche Liste gehört. Klar gibt es Vorstellungen, die mir sehr gefallen - zum Beispiel einmal mit Walen zu tauchen, dem Dalai Lama (oder lieber Leonardo diCaprio?) die Hand zu schütteln, in den Grand Canyon zu spucken und das Taj Mahal mit eigenen Augen zu sehen ... Das klingt für mich wirklich reizvoll! Aber wenn ich überlege, ob ich mein Leben als vergeudet ansehen müsste, wenn ich diese Dinge nicht erledige, denke ich: Es geht auch ohne. Das alles ergibt ein tolles Rahmenprogramm, aber ein erfülltes Leben besteht wohl aus mehr als den Highlights.

Ich habe aber noch einen ganz anderen Grund, weshalb ich keine langwierig ausgetüftelte Löffelliste mein Eigen nenne: Sie würde mich unter Druck setzen. Ich habe ein echtes Problem mit To-do-Listen; sie machen mir nämlich ein schlechtes Gewissen, bis ich sie abgearbeitet habe, und das schlechte Gewissen wiederum blockiert mich bei der Umsetzung eher, als dass es sie beschleunigen würde. Je länger die Liste, desto umständlicher wird es, sie überhaupt in Angriff zu nehmen. Das geht mir sogar schon bei Einkaufslisten so. Ich bin halt nicht so der Listen-Typ. Ich finde die Idee der popkulturell geprägten Löffelliste aber zu reizvoll, um mich ihr zu verweigern. Sie darf bloß nicht zu lang sein, und sie soll nicht die Voraussetzung erfüllen müssen, eine perfekte Auswahl aller nur denkbaren lebensbejahenden Highlights zu enthalten. Zu viel Druck, ein zu übertriebener Anspruch! Deshalb habe ich eine einfache Lösung für mich gefunden: Meine Löffelliste darf immer nur genau einen einzigen Punkt auf einmal enthalten. Nur einen einzigen! Ein Vorhaben auf einmal kann man schaffen. Eines ist planbar, während man das Getauche mit Walen erst mal hinbekommen, das Date mit geistigen Führern und Hollywood-Beaus koordinieren und Reisen nach Übersee finanzieren können muss. Alles gleichzeitig ist ganz schwer mit Familie und Beruf zu vereinbaren, und Work-Life-Balance braucht man ja auch noch. Ein Ziel allein aber: Das lässt sich ansteuern. Und der nächste Punkt darf erst dann auf die Löffelliste, wenn der alte abgearbeitet ist. Das ist das Gegenteil vom vielbeschworenen Multitasking - es ist tiefenentspanntes Einzeltasking.

Ich fühle mich damit deutlich wohler. Aktuell steht übrigens auch etwas auf meiner 1-Punkt-Mini-Löffelliste: Ich möchte am 20. Juli 2014 am 26th Cross Continental Race im Bosporus teilnehmen - durch den Bosporus von der asiatischen auf die europäische Seite Istanbuls schwimmen. Einmal von Asien nach Europa schwimmen - klingt irgendwie gut, oder? DiCaprio, Wale und Crand Canyon müssen noch warten; kein Platz zurzeit auf der Liste verfügbar. Und der nächste Punkt, den ich danach ansteuere? Darum kümmere ich mich wirklich nicht, bevor ich am 20. Juli das europäische Bosporus-Ufer erreicht habe. Keine Sekunde früher. Eins nach dem anderen.

 

 

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