Der Höhlentroll war gestern. Was kommt dann?

Frischluftfaktor. Eine Outdoor-Kolumne von Julia Dombrowski.

Seit einigen Wochen erzählen ganz unterschiedliche Menschen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen bei uns ihre Geschichten. Sie verraten unter der provokanten Frage „Warum eigentlich?“, was sie antreibt, sich ihrer persönlichen Herausforderung zu stellen.

Manche dieser Menschen laufen, wandern, radeln, reisen, rennen, tauchen oder schwimmen, weil sie es für den guten Zweck tun. Andere, weil sie sich auf die Bestätigung ihrer Fähigkeiten freuen. Sie wollen gesünder leben oder ergreifen einfach eine spannende Gelegenheit beim Schopf. Sie wollen ihre eigenen Kräfte oder die eigenen Grenzen erkunden. Sie folgen einer Sehnsucht, genießen Momente der Selbstkontrolle oder des Fokussierens. Oder ihre Motivation ist pure Neugier auf die neue Erfahrung.

Für alle dieser Motivationen empfinde ich Respekt. Nicht alle könnten auch mein eigener Antrieb sein. (Ich bin zum Beispiel kein disziplinierter Typ und werde es wohl auch nicht mehr werden. Neugier dagegen kenne ich gut. Menschen sind eben so verschieden wie die Gründe, aus denen sie etwas tun.)

Neugier? Sehnsucht? Lust auf Grenzerfahrung?

Ich selbst befinde mich in der für mich neuen Situation, dass auch ich nun eine eigene persönliche Outdoor-Herausforderung hinter mir habe, auf die ich mich monatelang gefreut und vorbereitet habe. Ich muss zugeben, dass ich die Frage „Warum eigentlich?“ gar nicht so klar beantworten kann, wie es die vielen tollen Menschen tun und getan haben, die wir hier vorstellen. Warum eigentlich hatte ich denn nun den Ehrgeiz, Ende Juli 2014 beim Cross Continental Bosphorus Race von Asien nach Europa zu schwimmen? Ich hab wirklich Probleme, das eindeutig zu benennen. Ich kannte Menschen, die das früher schon mal getan hatten, und fand toll, was sie erlebt haben. Das wollte ich auch. Ist das Neugier? Sehnsucht? Lust auf Grenzerfahrung? Eine Mischung daraus? Wahrscheinlich ja.

Diese Gelegenheit hat mich einfach angesprungen. Und die Herausforderung anzunehmen hat sich schließlich anders angefühlt, als ich es mir vorgestellt hatte. (Glücklicherweise! Denn wenn Erfahrungen jenseits persönlicher Grenzen so wären, wie man sie vorher erwartet hätte – dann könnte man sie sich ja auch schenken und sich mit der Vorstellung begnügen.) Hätte man mich vor dieser Bosporus-Durchquerung, die 6,5 Kilometer Schwimmstrecke umfasste, gefragt, was ich als Herausforderung empfinde, hätte ich geantwortet: Angst vor Quallen (waren anwesend, haben mich dann aber erstaunlich wenig gestört), Angst davor, Bosporus-Wasser zu schlucken (ist selbstverständlich passiert, hab ich aber überlebt und mich erst an Land vor leichtem Ekel geschüttelt) - und eben vor allem die 6,5 Kilometer, die ich zurückzulegen haben würde.Das klang nach viel.

Völlige Fehleinschätzung: Die starke Strömung machte die Strecke zur Autobahn, ich hatte Glück, sie gut zu erwischen und mich beinahe treiben lassen zu können. Aber aus der Strömung heraus und trotz Gegenströmung wieder ans Land zu kommen: Das war die eigentliche Arbeit. Nie hätte ich vorher gedacht, dass ich den Großteil der Strecke so undramatisch und die letzten 50 Meter so unfassbar unüberwindlich finden würde.

Höhlentroll oder nicht, wen kümmert das schon. 

In diesen gefühlten Ewigkeiten, in denen ich überzeugt war, meinem Ziel direkt vor Augen keinen Millimeter näher zu kommen: Das waren Minuten, in denen ich fast heulend vor Anstrengung in Dauerschleife vor mich hin fluchte: „Warum mache ich das eigentlich?“ (Fluchen ist übrigens mitschuld, wenn man zu viel Wasser schluckt. Das habe ich zweifelsfrei gelernt.) Ich kam deshalb auch nicht wie eine Nixe ans Ziel, sondern schnaufend wie ein asthmatischer Höhlentroll. Elegant wäre was anderes gewesen. Aber am Ziel war ich immerhin. Höhlentroll oder nicht, wen kümmert das schon.

Und jetzt: Was kommt dann? Was ist der nächste Punkt auf der 1-Punkt-Löffelliste? Was ist das nächste Ziel, die nächste Herausforderung, die nächste Grenze, die es zu überschreiten gilt? Ich weiß es noch nicht. Und das ist okay. Was ich dank der wundervollen Porträts dieser wundervollen Menschen in ihren „Warum eigentlich?“-Geschichten gelernt habe, war zweifellos vor allem eines: Persönliche Herausforderungen springen dich an. Wenn sie dir über den Weg laufen, dann weißt du es. Du musst dein neues Ziel nicht suchen, dein neues Ziel sucht dich. Und dann braucht es nur noch diesen einen Augenblick des Übermuts, in dem du denkst: „Warum eigentlich nicht?“ Ich freue mich darauf und bin gespannt, was mich als Nächstes finden wird. Eine Herausforderung, die mich dieses Mal nicht zum Höhlentroll macht? Wir werden es sehen.

Ich möchte mich herzlich beim Team von Fifty Five bedaken, dass mich vor der Teilnahme am Bosporusschwimmen tatkräftig unterstützt und angefeuert hat. Mit solchem Support machen persönliche Herausforderungen noch mehr Spaß!

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