„Warum eigentlich?“ Lars Tubies fährt mit dem Fahrrad 500 Kilometer auf dem Jakobsweg

Foto: Lars Tubies
Foto: Lars Tubies

„Der Weg macht etwas mit dir - was genau, das wirst du noch herausfinden“ 

Warum sind Menschen bereit, ihre Komfortzone zu verlassen?
Was treibt sie dazu an, sich Ziele zu setzen, die definitiv nicht ohne körperliche Strapazen zu erreichen sind?
„Warum eigentlich?“ ist eine häufige Frage im Umfeld, wenn man von einer Herausforderung erzählt – sei es Wandern bis zur Erschöpfungsgrenze, Klettern auf Gipfel, die bislang unerreichbar schienen, oder Fernreisen zu Fuß oder auf dem Rad, statt im Swimmingpool einer Hotelanlage zu relaxen. Wir möchten von Menschen, die sich ihrer persönlichen Outdoor-Herausforderung stellen oder gestellt haben, genau das wissen: „Warum eigentlich?“

Heute fragen wir: Lars Tubies, Frontend-Entwickler

Wie sah deine Herausforderung genau aus?

Einer meiner Freunde hatte Ende 2007 die glorreiche Idee, den Jakobsweg, genauer den „Camino Francés“, zu fahren. Wenige Rechercheminuten später willigte ich spontan ein, ihn zu begleiten. Da wir beide jedoch äußerst untrainiert waren und ich selbst nur 12 Tage Urlaub entbehren konnte, wählten wir eine Teilstrecke ab Léon (rund 500 Kilometer) - zur Sicherheit!

Im kommenden Juni sollte es soweit sein. Mit dem Rad im Flieger ging es nach Madrid und von da aus mit dem Zug nach Léon. Dort starteten wir nach einer Übernachtung in einer katholischen Pilgerherberge in Richtung Santiago de Compostela. Wir haben - angelehnt an einen Jakobsweg-Radführer - eigene Etappen geplant, später stellte sich heraus, dass wir je nach Ausdauer auch ein weiter entferntes Dorf ansteuern können. Und so begannen wir mit rund 50 Kilometern und steigerten uns bis über 120 Kilometer am Tag. 

Anfänglich ging es nicht darum, zu uns oder Gott zu finden, sondern rein um die sportliche Herausforderung auf der Suche nach unseren Grenzen. Bereits nach dem zweiten Tag kam in uns beiden jedoch ein Gefühl auf, Teil von etwas zu sein. Zu einer Gemeinschaft zu gehören, ob wir wollten oder nicht. Nirgends sonst haben wir soviel Warmherzigkeit und Gastfreundschaft kennenlernen dürfen. Und das als Fahrradfahrer (die eigentlich auf dem Weg oft verpönt sind)!

Nach vielen tollen Gesprächen am Ende der Tour war uns klar, das war nicht das letzte Mal. Wir werden den Weg auch laufen, am liebsten ab unserer Haustüre.

Hast du dich vorher mit der Frage „Schaffe ich das überhaupt?“ auseinandergesetzt? Und hat dir die Möglichkeit, dein Ziel vielleicht nicht zu erreichen, Sorge gemacht?

Vor der Tour gar nicht. Wir sind 2007 einmal 100 Kilometer von Köln nach Wesel gefahren, und das Einzige, was mich da gestört hatte, war der Sattel. Ich hatte saumäßige Schmerzen am Allerwertesten. Doch hey, dafür gibt es Gelsattel. Auch wenn sie auf meinem Crossbike nicht sonderlich hübsch anzusehen sind: Der Kauf war die beste Entscheidung für die noch kommende Tour.

Nach den seichten 100 Kilometern hatte ich vor der Tour in Spanien auch keine Sorge, das Ziel nicht erreichen zu können. Doch da hatte ich die Rechnung nicht mit O Cebreiro (1.300 Meter über dem Meeresspiegel) und dem Cruz del Ferro (1.500 Meter über dem Meeresspiegel) gemacht. Wahnsinn. Stundenlang im ersten Gang ohne gerade Stücke - ausschließlich berghoch. Die Fahrt zum Cruz del Ferro war ein Moment, in dem man sich fragte, ob bei bis zu 45 Grad Celsius die Wahl des Monats wirklich so gut gewesen war.

Wie bist du mit deinen Sorgen, scheitern zu können, umgegangen?

Eines motivierte mich: Mein Freund war sichtlich trainierter und schlanker - und ich fuhr immer mit sicherem Abstand vor ihm her. Nicht zuletzt wegen meiner 29-Zoll-Räder, aber es war auf jeden Fall ein tolles Gefühl. Oft machte ich mir einen Scherz, indem ich am Berg vorgefahren bin und ein paar Höhenmeter weiter auf ihn wartete. 15 Minuten später und gerade wenn er ankam, stieg ich spaßeshalber aufs Rad und spottete:“Super, dann können wir ja jetzt weiter!“ 

Kurz vor O Cebreiro kam uns ein Radfahrer schiebenderweise und mit plattem Reifen entgegen. Wir sprachen ihn an, ob wir ihm unsere Hilfe anbieten können. Er hieß Ralf, war 60 Jahre alt, pensioniert und nahm die Strecke über Österreich, Italien, Schweiz, Frankreich, Spanien. Er war schon in Santiago und gerade auf dem Rückweg. Wir blickten uns mit großen Augen an. Wow! Und wir zweifelten an ein paar Hundert Kilometern? Das konnte ja wohl nicht sein.

Es gab auch andere Begegnungen, die uns zeigten, dass man es schaffen kann: Zum Beispiel ein verheiratetes Paar, das auf der Strecke ihren 50. Hochzeitstag verbrachte, auf einem Tandem mit Anhänger - sie kamen aus den Niederlanden.

„Warum eigentlich?“ – Was war dein Antrieb, deine persönliche Herausforderung in Angriff zu nehmen?

Nun, in erster Linie ging es mir um Sport. Sobald ich auf dem Weg war, konnte ich nicht einfach umkehren (der Flieger zurück in die Heimat startete in Santiago). Nicht, dass ich jemand bin, der häufig aufgibt - schaue ich mir jedoch meine Taille an oder die Stelle, wo eine sein sollte, weiß ich, dass ich einen Schubs brauche. Ich liebe Sport, nur nicht alleine. Der Weg war genau das, was ich gebraucht habe. Ich konnte meine eingeschlafenen Spanischkenntnisse auffrischen, hatte Zeit für mich, was mit zwei Kindern nicht immer der Fall ist.

Manchmal denke ich an eine Frau, die ich auf dem Weg kennenlernen durfte, die sagte: „Der Weg macht etwas mit dir - was genau, wirst du noch herausfinden“.
Die Tour auf dem Jakobsweg war ein Anstoß zum Umdenken, genau diesen Schubs hatte ich gebraucht. Ich war schon immer ein „Wald- und Wiesenkind“ - und jetzt will ich wieder raus und die Welt sehen.

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