Wandertypen (5): Der Lehrbeauftrage und der Schweiger

Wenn man gemeinsam auf Wandertouren unterwegs ist, lernt man Freunde und Bekannte vielleicht ganz neu kennen … Welche Wandertypen in deiner Begleitung stecken könnten? Finden wir es in den nächsten Wochen heraus!

Unsere kleine, nicht zu 100 Prozent bierernst gemeinte Reihe zum Thema „Wandertypen“ wird die diversen Arten verschiedener Wandervögel unter die Lupe nehmen und Hinweise darauf geben, wie man mit ihnen am besten zurechtkommt. Damit dir nichts und niemand die Wanderlaune verhagelt!

Der Lehrbeauftragte

Erstaunlich, was die Natur alles zutage bringen kann, sobald man sich ihr bei einer Wandertour aussetzt. Wir meinen damit aber nicht das Wunder der Natur, das sich zum Beispiel bei einer Wildschwein-Geburt offenbart. Wir meinen eher die wundersame Verwandlung unserer sonst unauffälligen Freunde in Lehrbeauftragte des Faches Naturkunde, die in Gang gerät, sobald dieser Wandertyp Natur auch nur zu riechen glaubt.

Denn wir wussten, bis wir mit ihnen einen Waldweg betreten, noch nicht, dass in unseren sonst so urbanen Bekannten wahre Experten der Biologie, der heimischen Wälder und ihrer tierischen und pflanzlichen Bewohner stecken. Wir werden automatisch herausfinden, dass sie alles über die Trächtigkeit von Wildschwein-Damen und die Anzahl ihrer Frischlinge in ihrem Kopf gespeichert haben: Denn der Lehrbeauftragte wird seine heilige Mission darin sehen, dass auch wir Unwissenden endlich in die Geheimnisse der Natur eingeweiht werden. Der Lehrbeauftragte teilt sein eigenes Wissen gern, kontinuierlich und vollkommen ungefragt. Er muss dafür nur eine Spur im Boden entdecken, die entweder von einer Wildschweinschnauze stammt oder von spielenden Menschenkindern. Vielleicht haben auch Wanderer, die vor uns an dieser Stelle standen, unauffällig versucht, sich mit dem Fuß ein Loch im Boden zum sprichwörtlichen Darin-Verkriechen zu graben, während ihr eigener Lehrbeauftragter ihnen die lateinischen Namen europäischer Baumpilze aufzählte.

Ob Lehrbeauftragte im Telekolleg mal gesehen haben, wie man im Waldboden nach Grundwasser buddelt oder sich am Moos an Baumstämmen Richtung Süden orientiert, ob sie glauben, zehn verschiedene Blaumeisen-Arten am Zwitschern unterscheiden zu können oder das Jagdverhalten des deutschen Fuchses mit dem von nordamerikanischen Wölfen vergleichen wollen: Lehrbeauftragte sind sehr großzügig mit ihren Wissensvorräten, und in der freien Natur können sie sich endlich ausleben.

Es ist nicht ratsam, den Lehrbeauftragten mit einem Knebel im Mund an den nächsten Ast zu fesseln, so wie Asterix und Obelix am Ende ihrer Abenteuer es mit ihrem gallischen Barden zu tun pflegen, um ihn wenigstens zeitweise zum Schweigen zu bringen. Das ist nämlich erstens unfreundlich und zweitens verboten. Viel besser ist es, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: Ein spontanes einstündiges Referat über Baumflechten und ihre Bedeutung im Ökosystem deutscher Wälder bringt deinen Lehrbeauftragten wahrscheinlich dazu, künftig freiwillig darauf zu verzichten, dich auf Wanderungen zu begleiten: Du erzählst einfach ungefragt viel zu langweilige Sachen!

Der Schweiger

Es ist toll, wenn man zusammen auch mal schweigen kann. Wenn man einfach mal gemeinsam NICHTS sagt. Herrlich! Man hört viel intensiver die friedlichen Geräusche der Natur, das Rauschen des Windes und überhaupt alles das, wofür man sonst teure Meditations-CDs Marke „Naturgeräusch“ erwerben muss.

Nun gibt es allerdings einen Grund, warum man entschieden hatte, nicht allein zu einer Wandertour aufzubrechen. Irgendwas hatte uns bewogen, uns Gesellschaft zu suchen. Und wenn unsere Begleitung von Anfang bis Ende der Tour uns ausschließlich Naturgeräusche hören lässt und selbst das Schweigen vorzieht, wird uns das wahrscheinlich irritieren.

„Gefällt dir der Weg?“

„Hm.“

„Findest du, wir gehen zu schnell?“

„Hm.“

„Wollen wir die Abzweigung da drüben nehmen?“

„Hm.“

„Bist du schon mal in dieser Gegend gewandert?“

„Hm.“ 

Fühlt unsere Begleitung sich vielleicht nicht wohl? Bereut sie, uns als Gesellschaft akzeptiert zu haben? Reden wir zu viel? Wäre sie lieber zu Hause? Wählen wir vielleicht langweilige Themen als Wandergespräche aus? Kontinuierliches Schweigen kann arg verunsichern. Wir finden trotzdem:

Das ist ein Luxusproblem! Schweiger sind keineswegs die schlechteste Gesellschaft im Wald. Wer einmal einen Lehrbeauftragten an seiner Seite hatte, der weiß das. Den Schweiger in Ruhe schweigen lassen und das eigene Entertainment in der Schönheit der Natur suchen. Auch wenn Schweiger möglicherweise nicht die unterhaltsamste Begleitung sind: Gegen überraschend angreifende Löwen, Tiger und Bären – oder um Schmiere zu stehen, wenn man mal hinter einem Busch austreten muss und Angst vor den Blicken fremder Wanderer hat – sind sie trotzdem eine willkommene Verstärkung!

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Tags: Wandertypen
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