Kreativ in der Natur: Wandern und Schreiben - ein Interview

Wer mit offenen Augen und Ohren und einem offenen Herzen durch die Landschaft wandert, sieht, hört, riecht, fühlt immens viel“ (Dorothee Köhler)

Die Selbstwahrnehmung schärfen und Kreativität freisetzen: Auch dazu kann Wandern  - oder ganz allgemein gesagt: die Bewegung in der Natur - dienen. Dorothee Köhler (Germanistin, Kulturanthropologin, Texterin) und Sibylle Mühlke (Philosophin, Literaturwissenschaftlerin und ebenfalls Texterin) bieten auf verschiedenen Routen in (fast) ganz Deutschland an, auf angeleiteten Wandertouren Bewegung in der Natur und kreatives Schreiben zu verbinden. Ihr Angebot stellen sie auf der Internetseite wandernundschreiben.de vor, auch die nächsten Workshop-Termine sind dort zu finden. Doch was genau steckt hinter dem Konzept des "schreibenden Wanderns" zur Selbstreflexion und Persönlichkeitsentwicklung? Und was darf für die beiden Berufswanderinnen auf keiner Wanderung in der Ausrüstung fehlen - vom Stift und Notizbuch mal abgesehen? Im Interview verraten sie uns das und noch mehr.

„Wandern und Schreiben“, also Schreiben ohne Schreibtisch – und es gibt nicht mal einen Stuhl! Ist das nicht anstrengend? Passt das überhaupt zusammen?

Dorothee: Schreiben kann man überall, sogar im Gehen! Und Wandern und Schreiben passt deswegen hervorragend zusammen, weil man erst durch die körperliche Bewegung seinen Geist so richtig anspornt, sprich: sich das in Hirn und Herz lädt, was man dann aufschreibt. Dorothee Köhler (links, in Rot gekleidet) und Sibylle Mühlke (rechts, trägt Grün) Dorothee Köhler (links, in Rot gekleidet) und Sibylle Mühlke (rechts, trägt Grün)

Sibylle: Wir geben ja keinen Unterricht in literarischem Schreiben. Wir vermitteln nicht, wie man eine Erzählung schreibt oder wie man Figuren entwickelt oder Dialoge konstruiert. Wir schaffen in unseren Workshops einen Rahmen für unbefangenes und freies Schreiben – das geht auch ohne Stuhl. Schöne Schreibplätze finden sich in der Natur überall.

Ist „Wandern und Schreiben“ vor allem ein Angebot an begeisterte Lyrikerinnen und Naturpoeten, oder an wen richtet sich das Angebot? Wer soll teilnehmen, was ist zu erwarten?

Sibylle: Das sind viele Fragen auf einmal! Das Angebot richtet sich zunächst einmal an alle. Teilnehmen kann, wer neugierig und offen für sich und andere ist. Das genügt. Schreiberfahrung muss man jedenfalls nicht mitbringen. Nur Schreibzeug. Und ein paar gute Wanderschuhe. resized_wandergruppe

Dorothee: Wir nehmen alle Menschen mit, die Spaß an der Bewegung in der Natur und Lust darauf haben, sich mit dem zu beschäftigen, was sie im Inneren bewegt. Denn durch die Bewegung draußen, durch den Abstand zum Alltag und durch das Aufschreiben unserer Eindrücke und Empfindungen stoßen wir unweigerlich auf unsere Lebensthemen: Wo liegen meine Wurzeln? Wohin führt mich mein Weg? Wie will ich leben? Wie kann ich besser für mich sorgen? Oft geht es auch um Liebe, Trauer, Alter – die ganz existenziellen Themen, die jeden von uns beschäftigen und die wir im Alltag oft weit weg schieben.

Wie kann man sich den Ablauf eines „Wandern und Schreiben“-Workshops vorstellen?

Sibylle: Auch bei den eintägigen Workshops haben wir immer ein festes Quartier. Einen angenehmen Schreibraum mit dem Wanderrevier direkt vor der Tür. Dort treffen sich erst einmal alle Teilnehmenden und finden als Gruppe zusammen. Dann gehen wir raus - und auch unterwegs gibt es Schreibstopps, immer an schönen Plätzen. Zur Abschlussrunde kommen wir wieder ins Quartier zurück.

Dorothee: Unsere mehrtägigen Workshops funktionieren so ähnlich: wir schreiben vor, während und nach den Touren. Wenn eine Gruppe mehr als einen Tag zusammen ist, ergibt sich jedoch eine größere Intensität des Austauschs und der Selbsterfahrung.

Setzt ihr bei den Workshops spezielle Kreativitätstechniken ein?

Dorothee: Nicht in dem Sinne, dass wir sagen: Ihr macht jetzt Schritt eins und dann Schritt zwei und dann kommt dieses oder jenes Ergebnis heraus. Wir laden unsere Teilnehmerinnen mit Körperwahrnehmungsübungen und Impulstexten dazu ein, Worte für das zu finden, was in ihnen ist – unzensiert und erst einmal nur für sich. Wer das öfter übt, merkt auf die Dauer, dass der Zugang zu den eigenen Gedanken und Emotionen und auch das Aufschreiben dieser Gedanken und Emotionen sehr viel leichter fällt, fast wie von selbst geht und auch seine ganz persönliche Form und Ausdrucksweise findet. Genau das ist Kreativität. Und zwar eine, die sehr tief reicht und einen ganz selbstverständlichen Platz im Leben eines Menschen findet, so dass man sie gar nicht mehr missen will.

Das Arbeitsklima in unseren Workshops ist wohlwollend, wertschätzend und frei von Wertungen. Damit schaffen wir einen Rahmen, in dem Kreativität – und die Erfahrung der eigenen Kreativität – möglich ist.“ (Sibylle Mühlke) 

resized_MaerkischeSchweiz

Sibylle: Das Arbeitsklima in unseren Workshops ist wohlwollend, wertschätzend und frei von Wertungen. Damit schaffen wir einen Rahmen, in dem Kreativität – und die Erfahrung der eigenen Kreativität – möglich ist. Diese Erfahrung trägt über die Workshops hinaus und ist vielleicht nachhaltiger als Kreativitätstechnik X oder Y. Ich merke das an meiner eigenen Arbeit als Autorin und Texterin. Ich bin in meinem Schreiben lockerer geworden, selbstsicherer.

In unserem Interview sagte Manuel Andrack kürzlich: „Für mich stimmt die Behauptung, Wandern diene der Entspannung, überhaupt nicht. Wandern ist doch kein Yoga. Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich fast vollgeballert mit optischen und haptischen Reizen.“ Meint er damit in etwa, was ihr in den „Wandern und Schreiben“-Workshops vermittelt?

Dorothee: Was Manuel Andrack damit meint, kann ich nicht so genau sagen. Wer mit offenen Augen und Ohren und einem offenen Herzen durch die Landschaft wandert, sieht, hört, riecht, fühlt immens viel, sowohl im Außen als auch im Inneren. Insofern kann ich schon nachvollziehen, dass Herr Andrack sich vollgeballert fühlt. Geht mir auch manchmal so. Wenn ich mich dann jedoch einfach irgendwo hinsetze, mich genau umschaue, zur Ruhe komme, dann fallen meine Gedanken und Überlegungen und auch das, was mich manchmal bekümmert, wie von selbst an den richtigen Platz. Draußen unterwegs sein, in den Himmel schauen, den Boden unter den Füßen spüren, relativiert die eigene Existenz.

Sibylle: Klar, beim Wandern bekommt man viel mit. Das liegt daran, dass Bewegung in der Natur den Geist weitet – man wird aufnahmefähiger. „Vollgeballert“ erscheint mir zu martialisch. Ich finde, das ist ein schöner Zustand – man wird achtsamer, empfindsamer für Nuancen. Dorothee: … und das zu erleben, ist eine wichtige Erfahrung, die wir unseren Teilnehmerinnen gerne zugänglich machen möchten.

Was ist für euch „der perfekte Wanderweg“? Habt ihr vielleicht sogar jeweils eine Lieblingsroute?

Sibylle: Als Wahlberlinerin bin ich auch Brandenburg-Fan. Dort gibt es wunderbare, naturnahe und zivilisationsferne Routen, ganz abwechslungsreich durch Wälder und über Hügel, an Seen vorbei … wenn man nicht grade alpine Landschaften sucht – was mehr kann man sich von einem Wanderweg wünschen? Ich liebe den Naturpark Märkische Schweiz – dort bieten wir auch Workshops an – und den Hohen Fläming.

Dorothee: Ich lebe in Mannheim, dort liegt der Pfälzerwald direkt vor der Tür, und ich schätze diese abwechslungsreiche Mittelgebirgslandschaft aus Weinbergen, Felsenmeeren, Kastanien- und Kiefernwäldern sehr, auch weil sich von den Aussichtspunkten der Blick immer wieder über die weite Rheinebene öffnet. Zur perfekten Wanderroute gehört neben kleinen Pfaden ein stetiges Auf und Ab – wenn ich nur auf ebenen Strecken unterwegs bin, finde ich das schnell öde. Und außerdem die Abwesenheit jeglichen Autolärms. Erst dann setzt bei mir wirkliche Erholung ein.

Sollten auch skeptische Menschen das Wandern mal ausprobieren? Glaubt ihr, Wandern ist für jeden was?

Sibylle: Wandern sollte, wer’s mag. Sonst wird das doch zur Qual.

Dorothee: Wandern ist die beste und sanfteste Methode, etwas für sich und seine Gesundheit zu tun - und den Kopf und das Herz aufzuräumen. Deshalb ist das für jeden etwas. Es muss ja nicht jeder gleich mit 50-Kilometer-Touren starten. 10 reichen auch. Für den Anfang. ;-)

Was gehört zum perfekten Outdoor-Outfit? Was darf in eurer Ausrüstung nie fehlen?

Sibylle: Das schöne am Wandern ist ja, dass man dafür nicht viel braucht. Doch mindestens ein T-Shirt aus einer guten Funktionsfaser – Stichwort Feuchtigkeitsmanagement – und eine windabweisende Jacke müssen mit. Und gute, perfekt passende Schuhe sind ein Muss. Blasen und schmerzende Füße können einem den schönsten Weg vergällen.

Dorothee: Ohne Regenjacke und ohne ausreichend Wanderverpflegung in Form von Energieriegeln und Nüssen gehe ich nicht aus dem Haus. Ich hasse es, nass zu werden, und noch schlimmer ist es, einen 1.000-Meter-Anstieg hungrig bewältigen zu müssen. Aus meinem Rucksack kann man eigentlich immer eine vierköpfige Wandertruppe mindestens eine Woche lang verpflegen.

Dorothee und Sibylle, vielen Dank für das Interview!

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel
TIPP!